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Anne Kuhlmeyer - Arbeitsproben

MATZKES BEIN

Matzkes Bein
Vor dem Labor brummen die Monsterkühlschränke, Neonleuchten flackern. Nachts legen wir die Beine in die Kühlschränke. Aber die sind heute voll. Ich trage jede Woche ein Bein herauf. Schweiß klebt mir die OP-Kleider an die Haut. Wer noch nie ein Bein in den dritten Stock geschleppt hat, weiß nicht, wie schwer es einem werden kann. Es heißt, Herzen wären schwer. Aber das stimmt nicht. Es sind die Beine.
Mein erstes Jahr nach dem Examen. Die im Ersten schaffen die Beine weg. Oder die ganzen Toten. Sie werden durch den Park in die Pathologie gekarrt - die Hausmeisterin herausklingeln, was dauern kann, wenn sie getrunken hat, falls sie es überhaupt hört. Falls nicht, muss man die Toten wieder mitnehmen. Man kann sie nicht vor der Tür lassen. Sonst kommen die Katzen.
Der Tag war endlos gewesen, angefüllt mit Unsicherheit, Ekel, Angst und prallen Späßen gegen all das. Abends hatten sie sich entschlossen, doch noch zu amputieren. Matzke hatte aufgefiebert. Seine Zehen waren seit einer Woche schwarz, doch über den Tag hatte sich die Entzündung nach cranial ausgebreitet. Deshalb musste ich ihn mit dem klapprigen Aufzug in den septischen OP kutschen. Ich hatte nie Angst in dem Ding, Matzke schon. Er nahm meine Hand mit seiner schweißnassen.
"Bring es mir, Mädchen", sagte er.
Ich mochte Matzke nicht. Ein alter Sack mit dreckigen Witzen, hinkte in den Konsum im Park, holte Goldbrand und Zigaretten für alle. Nachts war die Hölle los auf der Traumatologischen. Die Jungs, zwanzig in einem Saal, mussten tags wieder geflickt werden, wenn sie sich geprügelt hatten.
Heute war Matzke nicht im Konsum. Das Fieber.
"Was?", fragte ich.
"Mein Bein. Ich kann es nicht hier lassen. Hab es durch Verdun, Stalingrad und den VEB Interdruck gebracht. Ich mag es. Es kann nicht bleiben." In seinem Blick glänzte das Fieber. Es machte ihn jung.
Der Fahrstuhl rappelte und hielt.
Der erste Schnitt ist der schlimmste. Heiles gibt plötzlich sein Inneres frei.
Er verlief eine Handbreit überm Knie. Eine halbe Stunde später – grobe Nähte, Verband, Warten. Sie setzten mich neben Matzkes Erwachen.
"Bring es mir", sagte er durch die Narkoseschleier. "Du bist die Einzige …"
"Aber …", sagte ich.Ich kann es doch nicht einfach liegen lassen, allein neben dem Monsterkühlschrank. Das ist nicht richtig. Also gehen wir, das Bein und ich, die Treppe wieder hinab.
Auf der Station ist es still. Ich winke dem Pfleger zu, sage: "Matzke", er nickt. Schmales Licht hängt im Raum. Matzke stöhnt. Ich gebe ihm sein Bein.
Er streichelt es.
"Was wollen Sie mit ihm machen?"
"Begraben."
"Aber Sie können nicht. Bis Sie heil sind, stinkt es."
Morgen werden sie es ihm noch einmal nehmen, nach oben tragen zum Monsterkühlschrank. Ich kann Matzke zwar nicht leiden ... Er legt seine Hand auf meinen Oberschenkel. Ich verstehe ihn.
"Okay", sage ich, spüre die Wärme seines Beines durch das Tuch.
Dann gehe ich mit dem Bein hinaus in den Park, finde in der Gärtnerei einen Spaten und hoffe, dass die Katzen mich nicht gesehen haben.


Aus: 1000 Tode schreiben. E-Book-Projekt. Frohmann Verlag.

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