NRW Literatur im Netz

Silke Weyergraf - Arbeitsproben

Aus: KENNEN WIR UNS?

Den besonders beängstigenden Teil ihres damaligen Traumes hatte sie irgendwie ins Unterbewusstsein geschoben. Sie ahnte nun, warum sie damals an der Hand eines Monsters zum Traualtar geschritten war. Nach dem Tod ihrer Großmutter Hilda, drei Wochen bevor Nick ihr die Trennung verkündet hatte, schenkte ihr Vater Jenny das Buch, da sie geäußert hatte, Interesse an der Vergangenheit ihrer Vorfahren zu haben. Bedächtig schlug Jenny die erste Seite des Albums auf, dessen transparente Zwischenseiten bereits dem Alterszerfall erlegen waren. "1939 – Umzug nach Polen", war in weißer Schrift auf schwarzem Fotokarton geschrieben. Bilder von zerstörten Gebäuden und Eisenbahnwaggons umrahmten den unbeschädigten Dom zu Gnesen. Wie eine Auszeichnung wurde der Blick auf die Zerstörung des Zweiten Weltkrieges mit folgender Aufzeichnung am unteren Seitenrand beendete: "StuKas haben hier volle Arbeit geleistet." Jenny kannte die Bedeutung des Begriffes "StuKa" nicht. Sie spürte lediglich, dass davon eine unheilvolle Ideologie ausgehen musste. An jenem Tag, als sie erstmalig mit den alten Fotos ihrer Familie väterlicherseits konfrontiert wurde, hatte sie sich darüber keine weiteren Gedanken gemacht. Doch die Eindrücke hatten Jenny dermaßen verunsichert, dass sie das Album, ähnlich dem Astrologie-Nachschlagewerk, weit weg im Regal verstaut hatte. Die Bilder jedoch waren ihr nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Vor allem die Absurdität der festgehaltenen Szenen und Motive. Idyllische Urlaubsbilder der Familie im Schnee, datiert in tiefsten Kriegszeiten, während anderorts Tausende im Glauben an bessere Zeiten den Tod fanden. Bilder vom letzten gemeinsamen Weihnachtsfest. Kurz danach kam die Nachricht des Todes ihres Großvaters an der russischen Front. So hieß es. Bereits beim erstmaligen Betrachten des Albums, kurz nach der Beerdigung ihrer Oma Hilda, war Jenny das Blut in den Adern gefroren. Am Kragen des Großvaters erkannte sie die zwei Blitze. Zeichen der Schutzstaffel der Führerpartei. Ihr Großvater lächelte darüber stolz in die Kamera. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass sie bisher um ihre Vergangenheit betrogen worden war. Sie nachträglich mit diesen Bildern bloßzustellen, war wie Verrat.

Aus: ICH BRAUCHE DICH (Familienmusical)

Ich bin die Liebe
Ich bin das was bleibt
Was uns umtreibt
Immer wieder aufzustehn
Aufeinander zuzugehn
Ich brauche dich
Und du brauchst mich

Aus: HEIMAT (Lied)

Und wird mich auch trennen der liebenden Blick
Ich wandre ins Leben und niemals zurück
Trifft Hass mich und Kälte
Verlier ich noch mehr
Vielleicht den Verstand doch mein Herz gehört dir

Aus: Familienmusical "IQ 200".

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