NRW Literatur im Netz

Andrea Volk - Arbeitsproben

Aus: AUF DEN HENGST GEKOMMEN

"Na", sagte Anneliese und warf mir einen verschmitzten Blick zu, "Jochens ist, glaube ich, noch zu haben."
"Nein", sagte ich entschlossen. Anneliese öffnete die Tür zum klimatisierten Treppenhaus, ein Schwall erfrischend kühler Luft begrüßte uns.
"Warte", sagte ich, schlüpfte aus meinen Turnschuhen und zog die hochhackigen Pumps aus der Tasche. Einen großen Auftritt wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich zog mich schwankend wie ein Matrose bei starkem Seegang die drei Stockwerke am Geländer hoch. Oben öffnete mir Meier die Tür. Was für ein Glücksfall, dachte ich und knickte um.
Meier lachte sich schlapp und ging dann Bier holen. Der Anfang war gemacht. Anneliese und ich betraten die heiligen Hallen. Irgendjemand hatte den Wartebereich mit den abgewetzten, am Bodenfestgeschraubten Stühlen, auf denen normalerweise Gewerbetreibende mit Nummern in der Hand unserer Gnade ausgeliefert waren, mit Luftschlangen und Ballons dekoriert. Ein Spaßvogel hatte auf einige Ballons Gesichter gemalt, so sah die Szene aus wie eine Groteske des Normalbetriebs.
Auf dem Wartemarken-Gerät stand eine Flasche Sekt.  Bierbänke, Tische und eine Stereoanlage, aus der gerade Helene Fischer dröhnte, vervollständigten den Gesamteindruck einer Party in Mordor. Ich fühlte eine Welle von Selbstmitleid in mir aufsteigen. Niemand, der etwas auf sich hielt, besuchte Partys im Gewerbeamt, die auch noch in den frühen Abendstunden begannen. Normale coole Menschen gehen doch frühestens um 22 Uhr vor die Tür. Vermutlich hatte diese sogenannte Party so früh begonnen, weil wir alle hofften, zu den Tagesthemen wieder zu Hause zu sein. Pure alternativlose Einsamkeit hatte uns auf diesem Jahrestreffen der Steintrolle zusammengetrieben.
Ich starrte auf ein Stückchen freigeräumten grauen Linoleums, auf dem offensichtlich zu vorgerückter Stunde und mit genügend Alkohol intus Tanz-Aktivitäten erwartet wurden. Schon bei der Vorstellung wurde mir mulmig. Jobst Hansen zum Beispiel war kaum in der Lage im Takt auch nur geradeaus zu laufen.  Bei der Vorstellung, dass er seine nikotingelben Aktenfinger um meine Taille legen und mich an sich ziehen würde, stiegen alle möglichen Gefühle in mir hoch. Erregung war nicht dabei.
"Kannst Du mal aufhören, Löcher in die Luft zu starren und vor Dich hin zu murmeln?", sagte Anneliese und guckte streng. Ich räusperte mich, verdrängte eine drohende Depression und spürte meine Knöchel anschwellen.
"Ich geh mal Sekt holen", sagte Anneliese. Ich lehnte mich haltsuchend an die Wand.
Meier kam vom Bierholen und starrte mich verliebt an. Vermutlich stand er auf High Heels und war bereit, den Rest in Kauf zu nehmen. Ich stand auf Männer und war bereit, Meier in Kauf zu nehmen.  Ich brauchte einfach eine männliche Schulter zum Anlehnen, und die Schultern der meisten andern waren mir zu hässlich oder zu gelb.
Nenas 99 Luftballons. Natürlich. Tristesse. Nena steigerte sich zu ihrem Crescendo über diese verdammten, niemals platzenden Ballons und eine sexuellen Fantasie namens Fliegerstaffel-General.
IT-Jochens, der offensichtlich mit dem Vorglühen ein bisschen früher begonnen hatte, enterte das Linoleum und tanzte den Refrain mit schaukelnden Armen und taktfreien Hüpfern wie ein verirrter Waldorf-Schüler. Jochens, beschloss ich spontan, war raus. Meier trank sein Bier aus, schwiemelte zur mir rüber und ging sich noch eins holen. Ich hoffte, dass er dabei war, mich schönzutrinken.
Ich entschuldigte mich kurz bei zwei Kolleginnen, die sich zu mir gesellt hatten. Wir standen vor den Stühlen wie Mädels aus der Tanzschule, die seit dreißig Jahren auf Damenwahl warteten. Vorsichtig stöckelte ich an der Wand entlang zum Klo, wo ich mir einen ersten größeren Schluck aus meiner Pulle Whisky genehmigte. Was Meier konnte, konnte ich schon lange.
Als ich wieder rauskam, stand Meier vorm Klo.  Das Männchen hatte Witterung aufgenommen, da wo das Weibchen markiert hatte. Sehr gut.
Ich stützte mich dezent an der Wand ab und entlastete meinen schmerzenden Fuß. "Hallo", sagte ich unbefangen lächelnd zu Meier, der sich aufgeregt mit der Rechten durchs Haar fuhr. Ein paar Haare segelten zu Boden. Allzu oft sollte er das besser nicht mehr machen.
"Na", sagte Meier, "auch hier?" Die Spannung zwischen uns knisterte hörbar. Ach nein, das war die Liste mit den Namen der Verdächtigen in meiner Jacke. "Auch hier und nicht in Hollywood?", ergänzte Meier und strahlte mich an. Ich strahlte zurück. Hier würde ich noch sehr viel mehr Alkohol brauchen.
"Komm doch mal mit", sagte ich, "ich hab da ganz was Feines." Ich lächelte maliziös oder was ich dafür hielt und zog mich an der Wand entlang in Richtung meines Büros. Meier folgte mir wie ein Schaf zur Schlachtbank, den Blick festgesaugt an meinen High Heels. Ich schloss die Tür hinter uns, schwankte Richtung Schreibtisch, ließ mich sexy auf die Platte sinken und zauberte zwei Becher aus dem Rollcontainer darunter. Meier lächelte und sagte nichts. Das war mir sehr recht.
In ein Lächeln konnte ich Sexappeal hineininterpretieren, in dummes Gesülze nicht.
Ich kippte großzügig Whisky in die Becher und prostete Meier zu.
"Warm hier", sagte Meier, zog sein Jackett aus, warf es lässig über meinen Bürostuhl, verfehlte aber leider die Lehne. Das Jackett fiel zu Boden und ein paar Plastik-Kärtchen rutschten aus der Innentasche. Meier bückte sich, schob die Kärtchen in die auf dem Boden liegende Jacke zurück, kam hoch und stieß sich den Kopf am Schreibtisch. Wir lachten beide nervös auf. Meier wertete das Lachen als Halali zur Jagd, nahm mehrere große Schluck Whisky und ging zum Frontalangriff über. "Sandra, weißt Du, dass Du eine sehr attraktive Frau bist?", sagte Meier und strich mir langsam von vorne über die Nase, eine Geste, die ich hasse, weil sie bei meinem Adlerzinken so lange dauert.
Ich bemühte mich um ein sexy Lächeln, beschloss Meier entgegen zu kommen, auch körperlich, erhob mich und trat ihm dabei mit meinem Messerspitzen Absatz auf den Fuß. Meier ließ meine Nase in Ruhe, schrie schmerzgepeinigt auf und rettete seinen Spann, wodurch ich wiederum den Halt verlor und hörbar zurück auf die Schreibtischplatte plumpste. Meier zögerte kurz, riss mich in die Arme und wollte mich küssen, verfehlte aber meinen Mund und landete irgendwo im Wangenbereich. Möglicherweise hatten wir es mit dem Whisky ein klein wenig übertrieben. Wir kicherten, glitten auseinander und sammelten uns.
"Sandra", sagte er.
"Meier", sagte ich.
"Klaus", sagte Meier, "aber Du darfst mich 'Meier' nennen." Wir kicherten wieder. Ich hörte ein Geräusch vom Flur und drehte den Kopf. Meier verfehlte dadurch erneut meinen Mund und küsste mich knallend aufs Ohr. Meine rechte Hand fuhr schützend hoch und ihm gegen die Nase. Meiers Augen tränten. Er tätschelte keuchend nach meiner Brust und umfing sie mit seiner Rechten. Ich revanchierte mich, in dem ich schwer atmend über seinen gewölbten Hosenlatz streichelte und seinen rechten Hoden umfing. Meier drückte meine Brust; ich drückte seinen Hoden. Im Eifer des Gefechts möglicherweise einen Ticken zu fest, woraufhin er röchelnd über mir zusammensackte. Unserer geschlechtlichen Vereinigung stand nichts mehr im Wege.
Außer Anneliese, die genau jetzt in unser gemeinsames Büro kam.
"Entschuldigung", nickte ein orangener Puschel, "ich geh dann mal wieder."
"Nein, bleib hier", rief ich wenig damenhaft unter Meiers Schulter hervor, wenn man schon düpiert, dann richtig und eins war mir schlagartig klar geworden: Nicht mal mit den Erzeugnissen einer ganzen Destillerie könnte ich mir diesen Meier schön saufen.

ARZTHELFERIN - PLAGE DER MENSCHHEIT

Als Kassenpatient hat man zwei natürliche Feinde. 1. Alles, was sich Gesundheits-Reform nennt, 2. die Arzthelferin. Zumal wenn sie am Empfang der Praxis sitzt, den man der Richtigkeit halber nicht "Empfang" sondern "Abweiser" nennen sollte.
In welchem Lehrjahr lernen Arzthelferinnen in diesem müden Tonfall "Was kann ich für Sie tun?" zu sagen – und "verpiss dich" zu meinen? Kann das überhaupt lernen, oder gibt es die genervte Arzthelferin fix und fertig zum download im Internet – als Desktop-App für Ärzte?  Oder werden Arzthelferinnen vielleicht in einem geheimen Genlabor im Ostblock gezüchtet? Lenin, Stalin, Putin, Arzthelferin – das reimt sich, das kann doch kein Zufall sein!?
Düstere Verschwörungstheorien vor mich hinmurmelnd stand ich im Morgengrauen in der Warteschlange vor dem Tresen meiner orthopädischen Praxis. Hinter dem Tresen versteckten sich zwei Arzthelferinnen. Unsere Schlange bestand aus vier Leuten. Im Wartezimmer siechten weitere drei Patienten vor sich hin.
Jede der beiden Weißdrachen hatte also 3,5 Personen zu betüddeln, nebst einem bis dahin unsichtbaren Arzt. Dass sie es trotzdem schafften, genervt und überarbeitet zu sein, bewies wieder einmal die fundierte Ausbildung, die sie genossen haben mussten.
Erstaunlich wie es die gemeine Arzthelferin schafft, dass man sich als Kassenpatient vor dem Tresen vorkommt wie ein Sozialhilfeempfänger, der Unterstützung erbetteln muss. Die Schlange rückt eins vor. Die Frau vor mir hat das Pult erreicht. Die Arzthelferin guckt sie gar nicht erst an. Sie telefoniert. Mit einem Patienten. In einem herablassenden Tonfall, der noch Ghandi zur Weißglut treiben würde. Dabei schaut sie in ihren Monitor und klickt mit der Maus. Sehe den Bildschirm nicht. Vermute sie spielt Solitär.
Nachdem sie den Anrufer mit einem zarten Lächeln in den Mundwinkeln genügend erniedrigt hat, beendet sie das Telefonat, dreht uns Wartenden aber weiter die kalte Schulter zu und deutet auf den Computer: „Der arbeitet noch“, sagt sie. „Ja“, möchte man sagen, „wenigstens einer hier.“
Weiß gar nicht wozu beide Arzthelferinnen Gelenkschoner tragen. Ist das so eine Art orthopädisches Rangabzeichen? Ein Bundesverdienstknöchel?
Gut, man muss natürlich gerecht sein, auch gegenüber Arzthelferinnen. Von ihrer Warte aus muss der Blick auf die Eingangstür wirken wie ein blödes Theaterstück, wo sich der Vorhang minütlich hebt und das Stück heißt: "Die nächste doofe Fresse kommt rein". Den ganzen Tag Gehumpel und Gestöhne. Hinter ihrer sichereren Burgmauer hervor beobachtet sie den Zug der Leprakranken, der sich den Weg in die Praxisräume bahnt und deren blutige Abszesse bald ihre schöne Küchenrolle auf der Arztpritsche versauen werden. Ein erbärmlicher Haufen aktuell Nicht-Leistungsträger, Heerscharen von Nörglern, die an ihrer Burgmauer stranden. Im Grunde kann man froh sein, dass sie einen nicht mit kochendem Öl übergießt.
Dazu der Desinfektionsgeruch, der Wartezimmer-Muff, die bunten Schweiß- und Mundgeruch-Fahnen und der traurige Garderobenständer neben der Tür, an dem die aufgeknüpften Jacken leicht in der Zugluft wehen, zur Abschreckung aller, die ohne gültige Überweisung kommen.
Und dann ein Schicksal nach dem anderen, das durch diese Türe weht und eine abgelaufene Überweisung rechtfertigt wie die Frau vor mir:
"Aber ich konnte den Termin doch nicht wahrnehmen, einmal da hatte ich Durchfall!" Welche Verzweiflung muss eine Frau treiben, dass sie im Vorzimmer der Orthopäden-Hölle, in einer "Schlange" von vier Patienten, davon zwei männlich und attraktiv sagt: "Ich hatte Durchfall". Es ist die Arzthelferin, die das letzte aus uns rauskitzelt, was mich wieder in meiner KGB-Genlabor-Theorie bestätigt.
"Einmal da hatte ich Durchfall", wiederholt die Patientin mit dem Mut der Verzweiflung, "und einmal wurde meine Kollegin am Magen operiert, da konnte ich doch nicht weg!"
Die Arzthelferin verzieht ihr Schnütchen und streicht sich mit dem Daumen der Rechten über den manikürten Zeigefingernagel. Wir Wartenden glotzen alle auf den streichenden Daumen wie die Kaninchen auf die Schlange. Der Pate hätte es nicht schöner gekonnt.
"Nun gut", gewährt die Arzthelferin Pardon, "dann müsste ich nochmal ihre Karte einlesen und dann machen wir das Quartalsübergreifend."
Die Patientin ist kurz davor das Pult zu küssen. Ich verhindere ihren Kotau in dem ich ihr in den Nacken huste. Eine Tür klappt auf, ein Arzt erscheint und eilt geschäftig an unserem leprösen Haufen vorbei. Die Patienten, die dazu noch in der Lage sind, halten den Atem an. Ein Arzt, ein richtiger echter Arzt, diesen Anblick muss man jede Sekunde genießen.
Schließlich stehe ich ihm Aug in Aug gegenüber für die Fünf-Minuten-Abfertigung. "Ihre Arzthelferinnen sind die Pest", sage ich. "Ja", sagt der Arzt, "ich weiß". Im Hinauseilen nickt er mir verständnisvoll zu. Muss unbedingt rauskriegen wie er hieß, netter Typ.
Beim hinausgehen streift mein Blick die verstaubte Spardose für Trinkgeld auf der Arzthelferinnen-Burgmauer. Niemand wirft was herein. Sie sollten sich fragen warum.

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