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Chris Tewes - Arbeitsproben

Aus: IM DUNKEL DES DSCHUNGELS

Ein lauter werdendes Rauschen machte ihr bewusst, dass sie den Bach fast erreicht hatten. Als Sina den schnellen Strom kurz darauf sah, stockte ihr der Atem. Da sollten sie sich hindurchwagen? Hatte er nicht von einem Bach gesprochen?
Entsetzen zeigte sich auch auf Kaders Miene. Selbst Helen schien die Passage dieses reißenden Wildbaches als undurchführbar.
"Gibt es keine seichtere Stelle? Das ist ja lebensgefährlich!"
"Und es wird von Minute zu Minute gefährlicher. Wenn wir es jetzt nicht wagen, ist die Chance unser Ziel zu erreichen, für Wochen vertan. Also los jetzt!"
Ein Seil um die Brust gebunden, dessen anderes Ende der Mann am Stamm eines nahen Baumes befestigt hatte, wagte er sich mutig in die reißenden Fluten. Mit der Aufforderung, ihn an der kurzen Leine zu halten, drückte er Helen die sichernde Schnur in die Hand. Meter für Meter kämpfte er sich zum anderen Ufer vor, während Helen Stück für Stück des Seiles freigab.
Erschrocken schrien Sina und Kader auf, als er plötzlich strauchelte und für einen Moment nicht mehr zu sehen war. Eilig stürzten sie Helen zu Hilfe, die sich, das Seil umklammernd, mit aller Kraft dagegen wehrte, ebenfalls ins Wasser gezogen zu werden.
"Zieht! Weiter, weiter ziehen ... ja, wir schaffen es!"
Mit vereinten Kräften konnten sie den Mann halten, dem es nach mehreren Versuchen gelang, sich wieder aufzurappeln.
Erschöpft erreichte er das andere Ufer, doch zum Verschnaufen blieb keine Zeit.
Nachdem er das Seil auch dort sicher befestigt hatte, kämpften sich die Frauen eine nach der anderen durch die Strömung.
Helen war die erste, die sich hineinwagte. Mit beiden Händen das Seil umfassend, das am sicheren Ufer befindliche Ende fest im Visier, erreichte Helen die andere Seite ohne nennenswerte Probleme.
"Und jetzt Kader!" Die Freundin atmete einmal tief durch, bevor auch sie sich hinüberwagte. Nun musste nur noch Sina folgen.
"Denk an das Seil!"
Natürlich dachte sie an das Seil. Sie durften es keineswegs zurücklassen.
Zum einen könnten sie es später noch brauchen, zum anderen wollten sie nichts hinterlassen, was einen Hinweis auf unbefugte Eindringlinge geben könnte.
Sina löste die Schnur vom Stamm des Baumes und schlang es nun ihrerseits über die Brust. Gut gesichert wollte auch sie möglichst schnell den Bach durchqueren.
Die Strömung war gewaltig. Ohne die Hilfe des starken Mannes, wäre Sina mit Sicherheit sofort abgetrieben. Mit schweißtreibender Anstrengung zog er die junge Frau zu sich herüber.
Die Hälfte des Weges war bereits geschafft, als plötzlich ein sperriger Ast angetrieben wurde, der Sina gewaltsam mit sich fort zu reißen drohte.
Oh Gott, ich werde sterben! Für einen Moment hatte sie das panische Gefühl gehabt, das andere Ende des Seils wäre dem Mann entglitten.
Tatsächlich hatte es ihn regelrecht von den Beinen gerissen, als der unerwartete Ruck eingesetzt hatte. Sina wäre mit tödlicher Sicherheit samt Ast auf nimmer Wiedersehen fortgespült worden, wäre das Ende nicht zusätzlich vom Baum gehalten worden.
Bei dem verzweifelten Versuch Halt zu finden, zerrte Sina entsetzt an ihrem Ende, doch es gab einfach nach und hing nur schlaff in ihren Händen.
Erbarmungslos wurde ihr Kopf von dem Holz unter Wasser gedrückt. Sie hatte schon geglaubt, qualvoll ertrinken zu müssen, als ein erneuter Ruck sie wieder nach oben riss. Gierig schnappte Sina nach Luft. Das Seil stand wieder unter Spannung, doch die Strömung drückte den Ast erbarmungslos flussabwärts. Immer wieder wurde Sinas Kopf von den Fluten überspült. Todesangst verdrängte jeden logischen Gedanken und ließ nur noch Raum für abgrundtiefe Verzweiflung. Hilfe! So helft mir doch! Hilfe!

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