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Andrea Gerecke - Arbeitsproben

AUSGEMUSTERT

Fröhlich legte sich Erwin in die Kurve. Das schien wieder mal ein wunderbarer Tag zu sein. Vorhin hatten sie noch an einer Boutique gehalten und seitdem standen auf der Rückbank diese großen, schicken Tüten.
Gernot, der Fahrer, summte seine James-Bond-Lieblingsmelodie "Goldfinger" vor sich hin. Ab morgen würde alles anders werden, dachte er bei sich und grinste breit. Endlich hatte es mit dem Aufstieg in der Firma geklappt. Zum Ersten des neuen Monats durfte er sich Pressechef nennen. Sein Vorgänger war heute in den Ruhestand verabschiedet worden. Gernot summte lauthals und ziemlich falsch, als er den Wagen auf dem Hof neben der Garage parkte. "Tja, mein Lieber", tätschelte er die wohlig-warme Motorhaube, "das wars dann wohl. Du passt nun einfach nicht mehr zu mir. Morgen holt dich der Gebrauchtwagenhändler ab."
Erwin gefror das Motorenöl in den Leitungen. Er hatte sich wohl verhört. Seine rundlichen Kotflügel zitterten leise, als er seine Vergangenheit mit Gernot Revue passieren ließ, der beladen mit seinen wertvollen Tüten das Haus betrat.
Der kleine Citroën schluchzte und ein paar Tränen spritzten aus der Düse für den Fensterreiniger. In Kürze hätten sie ihren gemeinsamen 30. gefeiert. Als Abiturient war die Ente Erwin das erste und bis heute einzige Auto von Gernot gewesen. Wie oft hatte der Mann liebevoll an dem Fahrzeug geschraubt und gebastelt. Die vielen Roststellen, die er ausgebessert und die Teile, die er ersetzt hatte. Dafür entlohnte ihn Erwin mit zumeist absoluter Zuverlässigkeit bei allen Touren – ob nun durch die Stadt im eisigen Winter oder zu irgendeinem internationalen Ententreffen. Zigtausende Kilometer standen auf seinem Tacho. Beide waren inzwischen eben älter und verbrauchter. Gernot gingen schließlich auch die Haare aus und er hatte einen ziemlich dicken Bauch. Kein abfälliger Kommentar kam dazu von Erwin. "Ich fahre gegen den nächsten Brückenpfeiler", nahm sich die betagte Ente todtraurig vor.
Am nächsten Morgen fuhr Gernot indes mit einem Taxi zum Dienst. Erwin heulte auf seinem Parkplatz zum Gotterbarmen und ließ seinen Wassertank auslaufen. Nicht einmal mehr in die Garage hatte er gestern gedurft. Diese Beziehung war also tatsächlich zu Ende.
Stunden später in einer sternenlosen Dunkelheit kehrte Gernot zurück, aber womit um alles in der Welt?! Mit einem funkelniegelnagelneuen BMW. Eitel glänzte der Wagen mit seinem tiefschwarzen Lack, als Gernot vor der Einfahrt zur Garage parkte. Der Mann ließ den Motor laufen und warf seiner alten Ente zu: "Tja, Erwin, ist dein Nachfolger nicht todschick. Heißt übrigens Ben." Gernot trug jetzt statt der Jeans und des üblichen Rollkragenpullovers Anzug und Krawatte zum weißen Hemd. Er ging in die Garage, um etwas mehr Platz für den Neuen zu schaffen.
Erwin nahm seinen ganzen Mut zusammen und sprach den piekfeinen Nachbarn an: "Bist du auch wie ich ein James-Bond-Auto?" Der BMW-Motor brummte hochnäsig-bestätigend. "Wenn ich dir einen guten Rat geben darf", fuhr Erwin fort, "dann demonstrierst du deinem Herrn unbedingt schon mal deine Schnelligkeit. Er liebt ein rasantes Tempo." Bens Scheinwerfer blinkten abfällig, so als wäre das absolut selbstverständlich. Er setzte sich abrupt in Bewegung, um zu beweisen, wie schnell er von Null auf Hundert sein konnte. Gernot hatte sich am Ende der Garage erhoben und starrte dem Fahrzeug mit vor Schreck geweiteten Augen entgegen. Der Schrei voller Angst und Schmerz blieb ihm im Hals stecken, als er an die Wand gequetscht wurde.
Erwin schluckte ein letztes Mal: "Tut mir leid, alter Junge. So weit hätte es nicht kommen müssen."


(Aus: Warum nicht Mord?!. Schardt Verlag: Oldenburg 2006.)

HÖRFEHLER

Die Weiden werden gescheitelt, so hört ich die Bauern sagen.

Und ein wundervolles Bild stieg auf in mir.
Naive Kindlichkeit eines Städters malte sich aus:
Ein knorriger, alter Baum, dem das Haar geordnet wird;
damit er unter der Last seiner Tolle nicht bricht.
Kräftige Hände greifen zu und stutzen die Strähnen.
Einmal rechts, einmal links liegen die meterlangen Triebe.
Später ist er ein Kahlkopf.
Doch nicht lange.
Denn rasch wieder sprießt der zartgrüne Flaum auf dem Haupt.
Bis zur nächsten Frisur.

Die Weiden werden geschneitelt,
so stand's anderntags in dem Blatte.
Ich hatte mich einfach verhört.

Nur ein winziger Buchstabe mehr zerstört eine Illusion.


(Aus: Welt der Poesie. Musenalmanach für das Jahr 2010. Hrsg. von Johann-Friedrich Huffmann. Frieling Verlag: Berlin 2010.)

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