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Annegret Wemhöner - Arbeitsproben

MATINEE MIT MAGERQUARK

Beschlagen und beschmiert, doch nicht ganz blind. Die eiternden grünen Augen wirken verschwommen, die Haut um die Nase herum gelb­lich verfärbt, und am Kinn prangt ein feuerroter Pickel, der gestern noch nicht da war. Genauso starrte mich das Spiegelbild an. Oder ist das gar nicht mein Gesicht, da, in dem silbrigen Rahmen? Gehört es nicht vielmehr zu der Frau, die mich hierhin getrieben hat? Hin zu diesem verstopften, stinkenden Waschbecken. Und womit? Mit ihrem Takt­stöckchen. Die Frau im ewig strahlenden Gelb ist nämlich Dirigentin. Von Magerquark (sprich: Magerquak), dem Chor, der die morgendli­che Veranstaltung musikalisch umrahmt. Unter dem Oberlicht im Foyer hängen Kostproben aus, von Texten, die Brücken bauen sollen. Von den Phantasiebegabten und Phobiegeplagten hin zu den Nüchter­nen und (Noch‑)Nicht‑Erkrankten. Oder umgekehrt? Aus allen Poren bricht der Schweiß aus. Der Magen dreht sich wieder um, eine wässrige Flüssigkeit steigt in den Mund hoch, und ein saurer Geschmack legt sich auf die Zunge.
Welchen Text hat der magere Chor eben über die beruhigende Melodie von Bridge Over Troubled Water gelegt? „Selbst ein Fisch­stäbchen krabbelt weiter, und das kannst du auch!" fällt mir ein. Sie­dend heiß. Wohin das Fischstäbchen nun aber krabbeln sollte, das ver­schluckten die dürren Hälse. Allein die Chorleiterin, die Wellenbewe­gungen in die Luft zeichnete, wußte es offensichtlich. Deren giftig­grüne Augen fixierten mich, das Silberspießchen kam nah und näher, und so trieb sie mich hinunter. Auf diesen düsteren übelriechenden Abort. „Rache ist süß!" höre ich sie noch zischen. Die Verrückte, mei­ne ehemalige Prokuristin. Eine potentielle Powerfrau, keine Frage. Leider immer und immer wieder krank. Magenprobleme, so hieß es. Um welches Gebrechen es sich genau handelte, das konnte keiner aus ihr herausquetschen. Ich nicht und die Kolleginnen und Kollegen auch nicht. Mehrere goldene Brücken habe ich ihr gebaut, aber sie wollte kein klares Bild von sich abgeben. Stets befürchtete sie, in die Pfanne gehauen zu werden und die Panade zu verlieren. Die dünne Hülle der Normalität. Als sie so instinktlos war, vor versammelter Mannschaft zu behaupten, ich wolle ihr ewig auf die Toilette folgen, da mußte ich sie feuern.
Abgestürzt ist sie damals, doch von quacksalbernden Heilern auf­gefangen worden. Von nebulösen Therapeuten, die meinten, das Ma­chen von Musik wie von Malerei und von Literatur könne psychisch Kranke kurieren. Und die Frau mit dem porentiefen Verfolgungswahn ist nun soweit vorgekrabbelt, daß sie andere Verrückte dirigieren kann. Und daß sie auf völlig Gesunde wie mich losgehen darf! Ob das im Sinne der Organisatoren dieser Matinee ist? Wenn ja, dann haben die in Zukunft einen potenten Spender weniger. Mich nämlich, den Inhaber von Drunter und Drüber. Mein Oberkörper richtet sich auf. „Auch ich krabbele weiter!", kündet der Zeigefinger hitzig auf dem beschlagenen Spiegel an, und sofort ist das Klappergerüst mit dem käsigen Gesicht verschwunden. An dem schlanken Stab mit dem weißen Knauf ziehe ich mich durch das Gedränge die Treppe hinauf. Dem Anblick der süßsauren Kanapees am Ausgang (Magerquark‑Häppchen, mit Klinik­Aroma!) halte ich keinen Augenblick stand. Lieber verbringe ich den angebrochenen Ewigkeitssonntag schwimmend.
Von Nebelbank zu Nebelbank.

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