NRW Literatur im Netz

Rainer Wittkamp - Arbeitsproben

Aus: KALTER HUND

Es stank. Es stank bestialisch. War das ein Wunder?
Diegos Leiche lag seit sieben Tagen im Kofferraum und verweste. Unaufhaltsam. Verbreitete einen Fäulnisgeruch, der langsam durch jede Ritze des BMW drang. Schleichend. Gnadenlos. Im Wageninnern roch es süßlich, nach verfaultem Fleisch, nach stofflicher Auflösung im Endstadium. Normalerweise hätte er den Kadavergeruch abstoßend gefunden, extrem widerlich. Normalerweise. Wenn er Diego nicht so sehr geliebt hätte.
Diego, my friend. Diego, you love of my life.
Es war Diegos Blick, dem Bilal vom ersten Moment an verfallen war, dem er nicht widerstehen konnte. Die Art, wie Diego ihn ansah. Vertrauensvoll und zärtlich. Mit seinen dunklen, unergründlichen Augen. Liebe ... ja, es war Liebe. Bilal dachte an ihre letzten gemeinsamen Stunden und lächelte. Sie hatten zusammen auf der Couch gelegen, matt und schläfrig, während sich die schwülheiße Luft über Gropiusstadt wälzte. Berlin lag seit Tagen unter einer Hitzeglocke, ein Ende war nicht abzusehen. Im Gegenteil. Hoch Josephine und Tief Ansgar schaufelten unermüdlich heiße Wüstenwinde aus der Sahara heran. Keine Chance auf Abkühlung.
Gähnend hatte Bilal sich vorgebeugt, zärtlich Diegos Bauch gekitzelt und dann an seinen Schwanz gefasst. Diego war zurückgewichen, hatte sich auf die Seite gedreht und kurz darauf leise geschnarcht. Bilal hatte überlegt, es noch einmal zu versuchen, dann fielen ihm auch die Augen zu. Eigentlich ist das Leben schön, dachte er im Halbschlaf. Unendlich schön.
Eine Stunde später war Diego tot.
Von da an war nichts mehr wie zuvor. In Bilal war etwas zerbrochen und er fühlte eine Leere, die ihm fast das Herz zerriss. Eine Kälte, die nur Diego hätte erwärmen können. Bilal fühlte sich unfähig, sich von seiner großen Liebe zu trennen, schob den Moment des Abschiedes so lange wie möglich hinaus. Versuchte, die Notwendigkeit der endgültigen Trennung zu leugnen, stattdessen an all das Schöne zu denken, das sie gemeinsam erlebt hatten, an die Augenblicke puren Glücks. Bilal schaute sich auf dem Smartphone die Videoclips an, die zahllosen Fotos, die ihn und seinen Freund zeigten. Unendliche Freude überwältigte ihn.
Diego and Bilal – Bilal and Diego – big love forever!
Doch die Zeit ist gnadenlos, so viel hatte er gelernt in den letzten zehn Tagen. Schmerzhaft lernen müssen.
Das liebste Wesen in seinem Leben konnte nicht ewig in der Anderthalbzimmerwohnung in Gropiusstadt bleiben.
Am dritten Tag nach Diegos Tod sah das auch Bilal ein. Er schleppte den Leichnam seines Freundes über die Nottreppe zum Parkplatz, erst weit nach Mitternacht, als er sicher sein konnte, dass niemand der anderen Mieter etwas bemerkte. Versteckte Diego im Kofferraum des BMW, seinem ockerfarbenen Unglücksschiff.
Die nächsten Tage lang fühlte Bilal sich gelähmt, betäubt, wie unter Narkose. Zwar belieferte er weiterhin die Spielhallen mit Verbrauchsartikeln, Bergen von Toilettenpapier, 25-Liter-Behältern voll Cremeseife und Wischreiniger, schenkel-dicken Handtuchrollen aus Recyclingpapier, mit Süßwaren, Zigaretten, Softdrinks. Doch er agierte wie in Trance, dachte die ganze Zeit an den Leichnam im Kofferraum. Es musste etwas geschehen. Dringend. Aber was? Ihm wollte einfach nichts einfallen. Er verschob die Entscheidung von einem Tag auf den anderen.
Bis es nicht mehr ging. Diegos Todesgeruch verpestete das Wageninnere, vom Heck bis zum Fond. Und mit jeder Minute wurde es schlimmer. Siebenunddreißig Komma acht Grad im Schatten wirken sich verheerend auf Kadaver in verschlossenen Räumen aus. In Berlin und auch sonst wo. Obwohl er sämtliche Fensterscheiben des BMWs heruntergefahren hatte, blieb der Gestank Sieger auf der ganzen Linie. Bilal Gösemann kapitulierte. Er musste endlich handeln.

Aus: SCHNECKENKÖNIG

Als Nettelbeck und Täubner im vierzehnten Stock an der blau schimmernden Fensterfront entlanggingen, die schräg vom Boden bis zur vier Meter hohen Decke reichte, und den Blick auf Französisch Buchholz freigab, setzte vom Norden her ein schweres Unwetter ein.
Ganz so, schoss es Nettelbeck durch den Kopf, als hätte Satan die Worte des Predigers persönlich übel genommen und seinem alten Kumpel Baal mal gehörig Beine gemacht. Mit heftigem Donnergrollen gingen die sommerhaften Frühlingstage abrupt zu Ende. Die Gewitterfront kam rasant näher, verdunkelte den Himmel zu einem bedrohlichen Tiefschwarz, in der Ferne schlugen Blitze ein, die ersten Hagelkörner prasselten auf die Glasfront. Satan musste aber so was von sauer sein.
"Nimmst du Cohrs ab, was er uns erzählt hat?", fragte Täubner.
"So naiv, wie er tut, ist er nicht. Cohrs verbindet etwas Entscheidendes mit Raedecker. Nicht nur damals, auch heute noch, das habe ich im Gefühl."
"Den Akten nach war Raedecker bereits Neonazi, als er mit Cohrs' Halbschwester rumgemacht hat. Das kann dem Pastor damals kaum entgangen sein."
Nettelbeck nickte. "Was ihren Missionierungseifer angeht, sind diese braunen Analphabeten genauso verbissen wie diese evangelikalen Rattenfänger."
"Fragt sich nur, wer gewinnt. Ich hoffe, nicht die falsche Seite."
"Da sei Satan vor."
Wie aufs Stichwort schlug am Horizont ein Blitz in den Dachstuhl eines Einfamilienhauses ein.
Nettelbeck beeilte sich, an die Tür zu Christian Mattheuers Büro zu klopfen.
Man sah Eva Mattheuer an, dass Daniel Cohrs ihren Besuch telefonisch angekündigt hatte. Bemüht gelassen führte sie Nettelbeck und Täubner zur Sitzgruppe. Ihr Vater werde gleich kommen. Dann verschwand sie in den Privaträumen des Predigers.
Über Marzahn und Lichtenberg war das Unwetter noch nicht angekommen. Der Himmel verdunkelte sich dort gerade erst, während das Gewitter in Französisch Buchholz schon längst die Zentrale der Ewigen Erlösung umtoste. Blitze zuckten über das Gebäude, eine schwere Fallböe suchte ihren Weg nach Süden.
Nettelbeck und Täubner nahmen Platz, sahen zu, wie ein heftiger Platzregen, vermischt mit Graupel und Hagelkörnern, auf dem Parkplatz niederging, die Wassermassen sich auf die Dächer der Pkws ergossen.
Christian Mattheuer kam in den Raum, gefolgt von seiner Tochter. Er trug einen weißen Morgenmantel, unter dem Sportkleidung zu erkennen war, ein Stirnband hielt seine verschwitzten Haare zurück.
"Entschuldigen Sie meinen Aufzug, ich war gerade bei meinem Work-out. Zwar nur zwanzig Minuten täglich, die aber eisern."
Der Prediger gab den Kommissaren eine Kostprobe seines einnehmenden Großwildjägerlächelns, setzte sich ans Fenster und schaute nach draußen. "Was für ein Wetter, die reinste Sintflut. Was führt Sie erneut zu uns?"
"Volker Raedecker. Wir nehmen an, Sie kennen ihn."
Christian Mattheuer und seine Tochter nickten.
"Er behauptet, dass er gestern Nachmittag hier in der Mission war, weil er eine Besprechung mit Herrn Cohrs hatte."
"Weißt du davon, Eva?"
"Er war nicht hier. Ich habe den ganzen Nachmittag mit Daniel verbracht."
Mattheuer zog die Brauen hoch, seine Tochter errötete.
"Nicht was du denkst, Vater. Wir haben Büroarbeiten erledigt."
Christian Mattheuer griff nach ihrer Hand und zog sie zu sich. "Eva, ich weiß, dass du eine gute Tochter bist. Ich wollte dich nicht verletzen."
Er lächelte Nettelbeck und Täubner an. "Ich habe das große Glück, dass meine Tochter demnächst in den heiligen Bund der Ehe treten wird. Ich werde sie selber trauen, sowie ich von meiner Missionsreise nach Bali und Osttimor zurückkomme."
"Dann gratulieren wir Ihnen."
"Gratulieren Sie Eva und Pastor Cohrs. Mein Stellvertreter und Nachfolger wird meine Tochter heiraten."
"Unseren Glückwunsch, Frau Mattheuer."
Eva Mattheuer nickte verschämt. "Danke."
"Was halten Sie von Herrn Raedecker? Sie wissen sicher, dass er militanter Neonazi ist und vom Polizeilichen Staatsschutz beobachtet wird."
Der Prediger verlor für einen Moment alle Souveränität. "Nein, das ... das ist mir völlig neu. Ich habe angenommen, er wäre einer von Dr. Karusseits Assistenten. Hast du das etwa gewusst, Eva?"
Seine Tochter schüttelte den Kopf, fühlte sich offensichtlich unter Druck gesetzt. "Nein, Vater, ich dachte, er ist ein Jugendfreund von Daniel."
"Warum hat Daniel überhaupt Kontakt zu so jemanden? Ausgerechnet zu einem Nazi?", hakte der Prediger wütend nach. "Was verbindet ihn mit diesem Menschen? Das muss er uns erklären. Ich lasse nicht zu, dass mein Werk durch so etwas in den Schmutz gezogen wird."
"Natürlich, Vater. Ich werde mit Daniel reden. Er wird es sicher begründen können."
"Wenn ich aus Asien zurück bin, will ich die Sache aus der Welt haben. In jeder Beziehung. Ist das klar?"
Eva Mattheuer nickte.
"Wie oft haben Sie Herrn Raedecker denn hier in der Mission gesehen, Frau Mattheuer?"
Die junge Frau zögerte. "Ich weiß es nicht genau."
"Bitte beantworte den Herren die Frage, Eva", befahl der Prediger mit scharfem Ton.
"Vielleicht etwa ... Na ja, ungefähr zwei bis drei Mal würde ich sagen."
"Öfter nicht?"
"Allerhöchstens vier Mal."
Gereizt riss Christian Mattheuer das Stirnband vom Kopf und fuhr sich mit beiden Händen durch die nassen Haare. "Ich würde die Angelegenheit ja selbst aus der Welt schaffen, aber ich fliege am Dienstag in aller Herrgottsfrühe nach Südostasien und kann das unmöglich absagen. Bitte erklären Sie Ihren Kollegen vom Staatsschutz, dass wir mit diesem Herrn Raedecker nicht das Geringste zu tun haben."
"Werden Sie die Angelegenheit auch mit Dr. Karusseit klären? Seine Sympathien für die rechte Szene können Ihnen ja wohl kaum verborgen geblieben sein."
"Wir haben eine rein geschäftliche Beziehung. Er hält lediglich einen Minderheitsanteil an diesem Gebäude. In unseren Gesprächen hat er uns jedenfalls mit solchem Naziunsinn verschont."
"Das ist merkwürdig. Er schien uns geradezu von einem missionarischen Eifer für Deutschlands Errettung besessen zu sein."
"Ich werde es bei Dr. Karusseit ansprechen, darauf können Sie sich verlassen. Ich weiß nicht, was ihn mit diesem Raedecker verbindet, aber seien Sie versichert, dass Satan keinen Fuß in mein Missionswerk setzen wird. Niemals!"

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