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Ulrich Straeter - Arbeitsproben

Aus: EINLADUNG ZUM APERITIF - REISENOTIZEN AUS FRANKREICH

Hier saßen die alten Männer, wie ihre Väter dort hockten, als wir das erste Mal im Jahr neunzehnhundertsechsundsechzig unsere welschen Nachbarn besuchten, tranken, rauchten und unterhielten sich. Die Sonne schien, Schirme spendeten Schatten, Menschen liefen hin und her, Autos fuhren. Alles, was geschah, wurde dankbar zur Kenntnis genommen. Das jüngste Ereignis waren wir. Wir parkten unsere Räder vor einem Laden unter den Arkaden, schlossen ab und blickten uns um. Ah, eine Wasserpumpe! Direkt vor den alten Männern, am Anfang des Platzes, stand sie in der Form eines gedrungenen Penis, am oberen Ende sicher irgend ein Hebel oder ein Knopf, der die Sache in Gang setzen würde.
Wie oft hatte ich an solchen Pumpen Wasser gezapft! In Frankreich, in Portugal und Spanien, auch in Irland, wo sie inzwischen nahezu ausgestorben sind. Ich liebte sie. Ohne Argwohn schnappte ich mir unsere Wasserflasche, sprang zur Pumpe und – fand keinen Druckknopf. Auch ein Rädchen zum Drehen gab es nicht. Ich konzentrierte mich, verstand die Welt nicht mehr, es musste sich um einfache Technik handeln, für den Normalverbraucher bestimmt. Ich fand nichts. Aus einem Murmeln und Gemurre hinter mir, das ich zunächst nicht auf mich bezog, lösten sich einzelne Worte, die mir galten. Die älteren Herren deuteten eifrig auf eine bestimmte Stelle an der Pumpe, und nach mehrfachen Hinweisen fand ich einen kleinen Hebel an der Rückseite, der von oben nach unten gedrückt werden musste. Das war ja nachgerade peinlich, vor diesen genauen Beobachtern und Kommentierern des Weltgeschehens eine Pumpe nicht bedienen zu können! Und das mir, nach über dreißig Jahren Frankreicherfahrung! Was die dörflichen Citoyens mir nicht verraten hatten, war die ungewöhnliche Stelle, aus der das Wasser quoll, als ich folgsam den Hebel bediente. Im Nu war ich völlig nassgespritzt, konnte auch gar nicht so schnell wegspringen, wie ich gewollte hätte, da ich in der einen Hand die Wasserflasche hielt, mit der anderen den Hebel bediente und mich dazu etwas unglücklich über die Pumpe gebeugt hatte.
Die französische Schadenfreude erklang sehr laut. Neuer Wein und neuer Pastis wurden ob dieses Erfolges bestellt, Zigaretten entzündet, die Beine vor Vergnügen übereinandergeschlagen. Zwei der Männer standen auf und kamen heran, erklärten mir gönnerhaft den Mechanismus.
Zu spät.
Ich nahm es als Beitrag der Völkerverständigung, zur Erheiterung unserer westlichen Nachbarn beigetragen zu haben.

(in Vorbereitung).

Aus: BRETAGNE BLEUE.

Auszug aus dem Kapitel MASTSPITZEN AM HORIZONT - VON SCHMUGGLERN, ZÖLLNERN UND KORSAREN.

Sturm im Südatlantik. Mit knapp sechs Knoten lief die Confiance unter ihrem Kapitän Robert Sourcouf nach Norden, und doch hatte es den Eindruck, als flöge sie. Obwohl die Brecher stärker als sonst über die Bordwand fegten, denn das Schiff lag sehr niedrig im Wasser. Gegen Mittag brassten sie die Rahen vierkant und liefen vor dem Wind. Die Confiance war ein kleines schnelles Schiff, was der Mannschaft und ihrem tollkühnen Kapitän schon öfter das Leben gerettet hatte.
Der besaß zwar einen Kaperbrief, den Lettre de Course, seines Herrschers Napoleon, der ihm Rechte und Gewinn versprach und ihm und seinesgleichen den Namen, die anerkannte Berufsbezeichnung, verliehen hatte: Coursaren, Korsaren. Der Lettre de Course nutzte manchmal allerdings nicht viel, wenn große englische Fregatten Jagd auf Sourcouf und seine Leute machten und ihre Breitseiten abfeuern konnten.

Plötzlich tauchten Mastspitzen am Horizont auf. Immer auf Beute erpicht, schoß die Confiance darauf zu. Sourcouf brüllte Befehle. Nur die beiden Marssegel am Großtopp, die Stagsegel am Vortopp und das Besan blieben stehen, so liefen sie auf den erkannten Feind zu, kaum langsamer werdend, immer in Bereitschaft, mit schnellen Manövern Fersengeld zu geben. Der Sturm kam ihnen gerade Recht, auch Nebel war manchmal nicht schlecht, um mit Beute zu verschwinden oder einer Übermacht auszuweichen. Sourcouf war schon mit zwanzig Jahren Kommandant, stammte aus Saint-Malo, dem berühmtesten Korsarennest neben Boulogne, Dieppe und Le Tréport; er war einer der letzten Korsaren. Bevor er 1809 mit diesem Job aufhörte, erwarb er sich ein Riesenvermögen und starb mit Ehren überhäuft. Ein edler Stein ziert sein Grab in Rocabey, in St. Malo wurde ihm eine Statue errichtet. Seine schönste Beute wurde die Kent, der stolzeste Dreimaster der englischen Indienkompanie. Der Nachbau eines seiner Schiffe, der Renard, eines bretonischen einmastigen Kutters, ist in St. Malo zu besichtigen.
Einmal, als sie unversehens an ein überlegenes britisches Schiff geraten waren, die Sibylle, gaben sie sich als Engländer aus, hißten den Union Jack und ließen ein Boot zu Wasser; einige Mann ruderten hinüber. Bevor sie dort ankamen, schlugen sie ihr Boot leck, so daß die Leute von der Sibylle sie wohl oder übel retten mußten. In der Zwischenzeit hatte Sourcouf mit seiner schnellen Confiance gewendet und war nicht mehr einzuholen.
Die fremden Segel, auf die sie zueilten, entpuppten sich als zwei feindliche Schiffe. Merde, merde, fluchten die Franzosen einhellig, sie waren gezwungen, sich mal wieder etwas einfallen lassen. Also nichts wie weg. Blitzschnell hatten sie alle Fetzen gesetzt. Klar bei Backbord Brassen! Ruder hart Backbord! Anluven, dichtholen! Die Stagsegel und der Besan wurden geshiftet, die Segel schlugen wieder voll. Das Schiff drehte auf neuen Bug, krängte stark und nahm kräftig Fahrt auf. Trotzdem lief der Kahn nicht schnell genug, war zu schwer beladen. Die Engländer holten auf. Das schöne Gold!

AM CAPO CARBONARA (Sardinien)

Steif das Seezeichen auf Granit
mit testikelhaftem Unterbau
leuchtende Corona in der Nacht
wenn Felsbilder zu Rundungen zerfließen

Gelebtes Leben unwiederbringlich
und die Fragen nach mehr
ob Yin und Yang jemals verschmelzen
lässt uns zweifeln bis zum letzten Tag

(unveröffentlicht)

SUPER

Inter City Super
Super City Hyper
Hyper Nano Makro
Super Quadro City
Center Hyper Macho
Hyper City Ropa
Fascho Makro Marko
Mamma Hilfe Ego

Aus: Nonsens-Texte. ARKA Verlag: Essen 2001.

Hein Velten

Vor Hein Velten hatten wir alle Angst. Er galt als Schläger, war klein und gedrungen, nicht viel älter als wir, aber schlagfreudig. Er brauchte dafür angeblich keinen Grund. Es genügte, dass man ihm entgegenkam. Lass dich bloß nicht von dem erwischen, sagten die Erwachsenen, und viele Mitschüler raunten, sie seien ihm soeben noch durch die Flucht in eine Nebenstraße entkommen. Mir war er noch nie begegnet, ich wusste eigentlich nicht genau, wie er aussah. Aber ich würde es ja merken. Wir wohnten im Oberdorf, Hein Velten im Unterdorf. Das war klar. Vielleicht aber auch der Grund für seine Schlagwut. Kinder merken sehr früh, was los ist.

 Später hätte ich eine Chance gehabt, auf ihn zu stoßen, als wir am Konfirmandenunterricht teilnehmen mussten. Doch dort tauchte er nicht auf. Vielleicht war er katholisch oder gar nichts, das gab es auch, war aber damals noch selten. Sofort zuzuschlagen hätte sich natürlich nicht mit dem christlichen Gebot der Nächstenliebe verstanden. Vielleicht hätte er uns die Entscheidung, ob wir die andere Wange auch hinhalten sollten, einfach abgenommen. So wie ich als Kind schon die Theorie entwickelt hatte, vom Kuchenteller das größere Stück zu nehmen, um für andere vorab zu entscheiden, die mir als Christen eh das größere hätten überlassen müssen.

Erst viel später kreuzten sich unsere Wege. Wir waren um die zwanzig Jahre alt. Es geschah auf einem Tanzfest der katholischen Kirchengemeinde. Vielleicht war Hein Velten doch katholisch? Aber auch ich frequentierte dieses Fest, einfach, weil sonst an diesem Wochenende in unserem Dorf nichts anderes los war und man hoffte, beim Tanzen auf jeden Fall Mädchen kennen zu lernen.

Wir standen plötzlich beim Bierholen an der Theke nebeneinander. Ich wusste sofort, dass er es war. Ich musste ihn wohl doch früher wenigstens aus der Entfernung einmal gesehen haben oder jemand hatte mich auf ihn aufmerksam gemacht. Er rückte bereitwillig zur Seite, begann ein Gespräch und stellte mir dann seine Freundin vor. Ein hübsches Mädchen mit langen schwarzen Haaren. Ein sehr hübsches Mädchen, wie ich fand. Wir prosteten uns zu, dann ging ich langsam wieder zu dem Tisch, an dem ich saß. Hein Velten und seine Freundin blieben mit den Rücken an die Theke gelehnt stehen und beobachteten die Tanzfläche. Ich drehte eine Pflichtrunde mit einem mir unbekannten Mädchen, hockte mich an meinen Platz, steckte mir eine Zigarette an und trank mein Bier aus.

Mit der Zigarette in der einen und dem leeren Glas in der anderen Hand schlängelte ich mich durch zur Theke. Dabei machte Hein Veltens Freundin eine für mich nicht vorhersehbare Bewegung und ich kam mit der brennenden Zigarette an ihren Rückenausschnitt. Blitzschnell zog ich die Zigarette weg, trat sie aus und fuhr mit einem angefeuchteten Finger über die sich rosa färbenden Stelle. Instinktiv. Das Mädchen drehte sich um, Hein Velten begutachtete den Fleck. Jetzt ist es so weit, dachte ich. Jetzt beziehst du die kräftigste Tracht Prügel deines Lebens – und das vor aller Augen. Ich entschuldigte mich vielmals, stotterte nervös herum, schlug vor, ein Pflaster zu holen. Doch beide winkten ab. Das Mädchen schien kaum berührt von der Sache und Hein verhielt sich eher passiv. Ich bestellte sofort drei Bier. Als sie kamen, entschuldigte ich mich noch einmal, das Mädchen sagte, dass es nicht schlimm sei, und wir stießen an. Ich hätte sie gern zum Tanzen aufgefordert, traute mich aber nicht. Doch sie forderte mich auf. Es war schön, mit ihr zu tanzen, auch ohne viel zu reden. Meist meinte ich, mit Tanzpartnerinnen ein Gespräch führen zu müssen, obwohl mir selten einfiel, worüber.

Als ich das nächste Bier von der Theke holen wollte, war Hein nicht zu sehen. Das Mädchen steckte mir wortlos einen Zettel mit einer Telefonnummer zu. Ich begab mich wieder an meinen Platz. An den Rest des Abends habe ich keine Erinnerung.

 

Einige Tage danach rief ich gegen Abend an. Sie meldete sich mit ihrem Vornamen. Ich sagte meinen und begann zu erklären. Doch sie schnitt mir das Wort ab. Ich weiß wer du bist, sagte sie. Wir verabredeten uns für den nächsten Sonntagnachmittag an der Kreuzung der beiden Bundesstraßen, die unser Dorf durchschnitten. Sie kam pünktlich, stellte allerdings die häufig für mich unangenehme Frage: Was machen wir? Ich schlug einen Spaziergang durch den nahen Wald vor, nichts Weltbewegendes, aber sie nickte. Nicht ganz zufällig steuerte ich unsere Schritte in Richtung eines Sees, an dessen Rand eine kleine, überdachte Holzhütte mit einer Bank stand.

Diese offene Hütte war sehr beliebt und leider häufig besetzt. Wir hatten Glück und ließen uns dort nieder. Ich holte die Zigaretten heraus, bot ihr auch eine an, die sie nahm. Als wir rauchten, fragte ich nach der Wunde. Nicht der Rede wert, sagte sie, drehte mir den Rücken zu. Schau nach, sagte sie. Als ich zögerte, öffnete sie vorn einen Knopf, sodass ich die Bluse hinten ein wenig herunterziehen konnte. Nur ein schwacher runder Fleck war noch zu sehen. Ist nicht schlimm, sagte sie, rauchte ruhig und blieb so sitzen. Verdutzt schwieg ich. Machst du es noch mal? fragte sie.

Ich? Was? Ja, das mit der Zigarette. Nein. Doch! Ist nicht schlimm, ist schön. Nur ganz kurz. Ich wollte sie herumdrehen, doch sie sperrte sich. Nur ganz kurz, bitte! Irgendwann hatte ich einmal gelesen, dass Menschen Schmerz als angenehm empfinden könnten. Hatte das aber für graue Theorie gehalten und niemals auf mich gemünzt. Ich brauchte nur an meine häufigen Zahnschmerzen zu denken, um dieses Thema zu verdrängen.

Bitte! Mit zitternder Hand fuhr ich mit der Glut der Zigarette ganz flüchtig über eine Stelle neben der Stelle. Ich hatte den Eindruck, sie kaum berührt zu haben. Doch sie seufzte tief auf, drehte sich zu mir um, nahm meine freie Hand und drückte sie zwischen ihre Beine. Ist schön, murmelte sie und presste sich an mich. Wir küssten uns intensiv, ich öffnete ihre Bluse nicht.

 

Einige Tage später rief sie an und lud mich zu sich ein. Sie verdiente Geld und hatte eine eigene kleine Wohnung gemietet. Wir saßen nebeneinander auf dem Sofa, rauchten. Sie hatte Bier, Cola oder Weinbrand gefragt. Ich hatte mich für Weinbrand entschieden, sie auch. Schau nach, sagte sie, drehte sich halb um. Der zweite Flecken war noch deutlich zu erkennen, eine Mischung zwischen leichtem Braun und hellem Rosa. Der erste war fast verschwunden, außer, man wusste es.

Einige Zeit, nachdem wir die Zigaretten im Aschenbecher ausgedrückt hatten, schob sie mir die Schachtel zu und sagte: Bitte! Ich tat so, als ob ich nicht verstanden hätte. Sie wiederholte: Bitte! Und: Du weißt schon. Mir gingen völlig verrückte Bilder durch den Kopf. Ich sah den ganzen Rücken rot von Brandflecken vor mir, und vielleicht nicht nur den Rücken. Wie oft? Wie lange? Ein ganzes Leben?

Nein, sagte ich. Das geht nicht. Das kann ich nicht machen, das ist nicht gut. Doch, das ist schön, sagte sie. Ehe ich antworten konnte, war sie aufgestanden, hatte ihr Kleid abgestreift, ihren Büstenhalter gelöst und das Höschen heruntergezogen. Stumm staunte ich ihren gut geformten Körper an, der jetzt nackt vor mir stand.

Nein, ich nahm die Zigarette nicht mehr, bot ihr anscheinend aber einen zufriedenstellenden Ersatz an, als ich begann, ihre Beine zu küssen und mit leichten Bissen zu versehen. Besonders die Innenseiten ihrer Oberschenkel hatten es ihr angetan, als ich die Bisse verstärkte und Spuren hinterließ. Sie seufzte mehrmals tief auf und presste meinen Kopf mit der Hand zwischen ihre Beine.

Ich war glücklich und glaubte, das Problem gelöst zu haben. Fast ein Jahr verging so. Dann sagte sie plötzlich am Telefon, es sei aus. Sie sei wieder mit Hein zusammen. Er liebe sie. Ich liebe dich, sagte ich. Nein, sagte sie, du magst mich und genießt es, aber du liebst mich nicht. Du tust nicht, was ich möchte. Was tut Hein? Mit der Zigarette? Nein, flüsterte sie, er schlägt mich.

Hein Velten hatte mich erwischt.

Was zählt (für Christian Morgenstern)

Das kluge Perlhuhn

fort, perdu!

Wir zählten auf es

und leckten uns die Mäuler

 

Doch kein Perlhuhn nicht

auf Markt und bei Leclerc

Kein Perlhuhn nicht

dort unter den Erlen

weder das Huhn

noch seine Perlen

 

Fort, perdu!

Wir zählten auf es

und leckten uns die Mäuler

C’est la vie!

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