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Ralf Weißkamp - Arbeitsproben

Aus: SCHÜTZENMASKE

Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht betrat Obermeister Kasimke das Büro von Hollunder, nachdem ihn dieser mit einem gelangweilten "Herein!" dazu aufgefordert hatte.
"Wir haben ihn, Chef", kam Kasimke zur Sache.
"Wer hat wen?", setzte Hollunder etwas gereizt nach. Er fragte sich bei jeder Begegnung, wie es eine solche Flachpfeife wie Kasimke in den Polizeidienst geschafft hatte.
"Na, den unbekannten Toten, der, der nackt war und gelächelt hat."
"Stimmt, den haben wir. Und zwar schon länger. Ohne ihn zu suchen. Liegt nämlich im Kühlraum. Aber Sie möchten mir wahrscheinlich sagen, dass die Identität ermittelt werden konnte."
"Stimmt, Chef, genau das! Wir haben ihn nämlich ausfindig gemacht, sind mit dem Foto von Tür zu Tür gegangen, rund um den Fundort. Und haben den Kreis immer weiter ausgedehnt. Klassische Polizeiarbeit!"
Hollunder wusste, wie man ermittelte. Und warum er bei der Kripo war. "Na prima, gut gemacht, und um wen handelt es sich?"
Kasimke wirkte enttäuscht, er hatte offenbar mit etwas mehr Anerkennung gerechnet.
"Thorsten Brüggelmann aus Gelsenkirchen-Ückendorf, Festweg 23.34 Jahre alt, alleinstehend."
"Angehörige?", fragte Hollunder kurz und knapp.
"Nee, keine."
"So, so, den hat also der Klapperstorch gebracht." Hollunder beugte sich nach vorn in Richtung Schreibtischplatte. Kasimke begriff immer noch nicht.
"Mensch, der muss doch Eltern haben, also setzen Sie sich in Bewegung und ermitteln Sie die! Klassische Polizeiarbeit eben!"
Als Kasimke den Raum verließ, ließ sich Hollunder genervt in den Bürostuhl sinken.
"Der ist so doof wie hundert Meter Feldweg", murmelte er dabei noch. Und war sich sicher, dem Feldweg unrecht zu tun.
Um vor seinen Akten zu flüchten, schrieb sich Hollunder die Adresse des Toten auf und fuhr zu der Anschrift. Nach zehn Minuten parkte er seinen Wagen vor dem Gebäude. Es war ein viergeschossiges Mehrfamilienhaus, wie sie nach dem Krieg häufig von Wohnungsbaugenossenschaften errichtet worden waren. Der Eingang des Hauses strahlte einen leicht verbrauchten Charme aus, Tür und Bauweise erinnerten ihn an die fünfziger Jahre. Er suchte den Namen des Mannes auf dem Klingelbrett.
Selbstverständlich lag die Wohnung ganz oben.
Seufzend drückte Hollunder auf den Knopf. Wie zu erwarten wurde nicht geöffnet, sodass es Hollunder mit der Klingel daneben versuchte. Kurze Zeit später summte der Öffner der Haustür, eine Gegensprechanlage gab es nicht. Hollunder machte sich an den Aufstieg.

Im dritten Stock musste der Kriminalkommissar Pause machen. Er atmete schwer und schnell und hielt sich mit beiden Händen am Geländer fest.
Scheiße, dachte er nur, warum haben die hier keinen Aufzug? Hier müssen doch auch ältere Leute wohnen.
"Ist da wer?", rief eine männliche Stimme über ihm in den Hausflur.
Hollunder konnte noch nicht antworten. Stattdessen machte er sich langsam auf den Weg zu seinem Ziel, Stufe für Stufe.
Oben erwartete ihn ein schadenfroh grinsender Mann, unter dessen Unterhemd sich ein beachtlicher Bauch wölbte. "Dat machse jeden Tach ein paar Mal, dat hält dann fit, dat Treppenhaus." Offensichtlich hatte der Feinrippträger Spaß an der Szene. Das Lächeln in seinem seit Tagen unrasierten Gesicht wirkte wie fest gemeißelt.
Hollunder war schwer genervt, hatte aber keine Kraft, sich aufzuregen. Er holte noch mehrmals tief Luft, bevor er in seine Jackentasche griff und seinen Ausweis zog.
"Hollunder von der Kriminalpolizei Gelsenkirchen."
"So'n gesundet Zeuch bringt ihr jetzt schon vorbei? Habt ihr sonst nix zu tun?", feixte der Dicke. Der Mann hatte offenbar beste Laune.
Die des Kriminalkommissars schoss gerade in den Keller. "Ich habe ein paar Fragen an Sie - hier oder morgen früh bei mir im Büro", erwiderte er kühl.
"Muss ich da auch so weit rauf?" Der Kerl grinste weiter unerschütterlich.
Bevor Hollunder zu einer förmlichen Vorladung ansetzen konnte, machte der
Dicke Platz in der Tür.
"Na, dann kommen Se mal rein, junger Mann."
Hollunder betrat einen dunklen Flur, in dem auf der rechten Seite eine Pressspan-Kommode stand, über der ein großer Spiegel thronte. Auf der Kommode stand ein grünes Tastentelefon, daneben lagen Kleinkram und Schlüssel. Auf der linken Seite wurde die Wand von einer Garderobe mit Hutablage beherrscht, an der einige Jacken älterer Machart hingen.
"Einfach gerade durch in die gute Stube", forderte der Wohnungsinhaber auf.
Hollunder betrat einen recht Meinen Raum mit einem Sofa und einem Sessel, die beide schon bessere Zeiten gesehen hatten, ebenso der Couchtisch, dessen Oberfläche aus beigefarbenen Kacheln bestand.
Hollunder mochte den Ausdruck nicht, aber wenn es ein Gelsenkirchener Barock gab, war hier der Ausstellungsraum.
Gegenüber dem Sofa stand auf einem Rolltisch ein alter Röhrenfernseher von Grundig samt Fernbedienung. Renoviert worden war der Raum in den letzten Jahren nicht. Aber Hollunders Befürchtung, mit dem Mann in einem vollgequalmten Raum sitzen zu müssen, bewahrheitete sich nicht. Es war stickig im Wohnzimmer, aber nichts auf dem Tisch deutete darauf hin, dass er rauchte.
Der Mann zeigte mit den Worten "Nu nehmen Se mal Platz" auf den Sessel. Dass die Kripo vor seiner Tür gestanden hatte und mit ihm sprechen wollte, schien ihn nicht im Geringsten zu beunruhigen.
"Danke", sagte Hollunder nur und ließ sich im Sessel nieder. Die Sitzfläche gab immer weiter nach und der Kommissar fragte sich, ob er es ohne fremde Hilfe wieder in den Stand schaffen würde.
"Wenn man sich an die vielen Treppen gewöhnt hat, kommt man gut damit klar, aber is schon ganz schön anstrengend. Möchten Se wat trinken, 'n Wasser'oder so?"
"Danke, nett von Ihnen, aber jetzt nicht. Ich habe auch nur ein paar Fragen an Sie, es geht um Ihren Nachbarn."
"Wieso, suchen Se den etwa? Kann ich mir gar nich vorstellen, ist doch 'nen nettet Kerlchen, ruhich und freundlich. Hat er denn wat ausgefressen?"
Ohne eine Antwort zu geben, zog Hollunder das Foto aus seiner Tasche und hielt es dem Mann hin.
"Ist das Ihr Nachbar, Herr ... äh, Entschuldigung, ich habe Ihren Namen an der Klingel nicht richtig lesen können."
"Pachulke, Walter Pachulke. Da sieht drauf aus, so blass. Is wat mit dem?"
"Also ist das Ihr Nachbar, der Herr Brüggelmann
"Jau dat isser. Jetzt sagen Se mal, wat is denn mit dem? Hat der Scheiß gemacht?"
"Herr Pachulke, Ihr Nachbar ist tot aufgefunden worden", sagte Hollunder nur.
Das Erschrecken im Gesicht seines Gegenübers war echt. Nach mehr als dreißig Dienstjahren machte ihm da keiner mehr etwas vor.
"Der is tot? Dat gibt et doch gar nicht, der is doch noch so jung! Dat kann doch gar nich sein!"
"Herr Pachulke, können Sie mir etwas über Ihren Nachbarn erzählen, über seine Freunde und Gewohnheiten? Hat er Angehörige, von denen Sie wissen?"
"Is der überfahren worden, hatte der 'nen Unfall? Dat gibt et doch gar nich, dass der tot ist!" Der Mann war über die Todesnachricht wirklich erschüttert.
"Ich kann Ihnen leider nichts über die Umstände seines Todes sagen, aber Sie würden mir sehr helfen, wenn Sie mir einige Fragen beantworten würden."
"Ja, klar, sicher, mach ich. Der war doch immer so gesund und fit."
"Wie gut kannten Sie denn Herrn Brüggelmann?", begann Hollunder seine Befragung.
"Na ja, wie man seine Nachbarn so kennt, mal guten Tach sagen, bissken quatschen im Hausflur, so eben. Hat aber immer alles gemacht, also Flur geputzt, Mülltonnen rausgebracht, so wat eben, tadellos. Und freundlich war er immer, hat immer gelacht und 'n Spässken gemacht. Gott, der arme Junge."
"Wissen Sie, ob er Verwandte hier hatte, Eltern vielleicht?"
"Nee, der war nich von hier, dat hat man gehört, da war so wat Komisches inne Aussprache, hat mich immer an meine Ostseeurlaube früher erinnert. Und Freunde? Also 'ne feste Perle hatte der nich, aber da waren häufiger mal Jungens und Mädels zu Besuch, alle so adrett und frisch und jung."
"Haben Sie von denen Namen gehört, oder hat er im Gespräch mit Ihnen mal welche genannt?"
"Nee, Herr Kommissar, damit kann ich Ihnen nich dienen, da hab ich nie welche von gehört."
"Wissen Sie denn, was er beruflich gemacht hat? Ist im Gespräch mal so beiläufig der Name seines Arbeitgebers gefallen?"
"Nee, da weiß ich nix von, keine Ahnung. Aber so feste Arbeitszeiten, so von acht bis fünf, hatte der nich, war auch oft am Abend und am Wochenende noch weg, sachte dann immer, er müsse noch mal los, Geld verdienen. Woran is der Arme denn gestorben?"
"Wie schon gesagt, Herr Pachulke, dazu kann ich Ihnen nichts sagen. Aber können Sie mir die Adresse Ihres Vermieters geben? Ich würde mir gerne die Wohnung von Herrn Brüggelmann anschauen."
"Ich geb' Ihnen mal die Telefonnummer von unserem Hausmeister, der hat doch bestimmt einen Nachschlüssel, da können Se dann gucken."
"Danke, aber ohne eine richterliche Genehmigung dürfen wir das nicht."
"Gut, dann schreib ich Ihnen die Adresse vom Bauverein auf. Aber wenn er doch tot is, wat soll er dann noch dagegen haben, wenn Se sich in seiner Wohnung umgucken?"
Hollunder nahm den Zettel mit der Adresse, bedanke sich und schaffte es tatsächlich, alleine aus dem Sessel aufzustehen. Die Treppen herunter fielen ihm deutlich leichter. Noch im Auto rief er über sein Handy das Präsidium an und beantragte die Durchsuchung. Dann lenkte er seinen Dienstwagen zum "Scharfen Eck um auf angemessene Weise den erlittenen Kalorienverlust auszugleichen. Die Currywurst schmeckte ausgezeichnet.
Als Hollunder in sein Büro zurückkam, fand er zu seinem Erstaunen bereits die richterliche Erlaubnis auf seinem Schreibtisch. Er rief einen Schlüsseldienst an und vereinbarte einen Termin für den nächsten Morgen. Er war gespannt, was er über den lächelnden Toten in dessen Wohnung erfahren würde.

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