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Urte Skaliks - Arbeitsproben

DIE WOLKE

Ich bin jetzt nur noch eine Wolke, schwebend über der Mülldeponie,
von allen vergessen, die selbst schon vergessen sind.

Aber unter mir bemerke ich Unruhe. Sie graben, heben aus, setzen ab,
verfrachten Material, brüchiges, dreckiges Material. Bald auch mein
früheres Material. Deponien werden heute geöffnet, denn man hat
entdeckt, dass sie Werte enthalten, Werte wie mein früheres Material.
Wiederverwertung, Recycling. Alte Klapperkiste, das war ich mal,
zuletzt.

Weltreisen haben meine Vergessenen mit mir gemacht, an Italiens
Küsten im Sonnenschein, auf bergigen Sträßchen, durch winzige
Dörfer, ausgeraubt in staubigen Städtchen, rasant durch den Verkehr.
Schnittig zu jener Zeit, vergessenes Design, damals millionenfach
gebaut, aus Italien in die weite Welt geliefert und dahin zurück. Stolz
besessen vom ersten, zweiten Eigentümer, bescheidener besessen
noch vom vierten, fünften, noch liebevoll vom sechsten entrostet, vom
Wasser im Fußraum befreit, dann doch schon Klapperkiste und
abgeschafft für fünfzig Mark. Auf die Deponie mit allem Drum und
Dran, gerade mal der Motor kam als Ersatz in einen Jüngeren hinein,
so entging er mir. Wir andern aber sind noch hier, ich sehe uns, fühle
uns, Elemente, wir werden in Stücken sortiert, in Stäuben gefiltert,
zusammengeschüttet. Mit anderen werden wir verschmolzen werden,
verteilt in die weite Welt in neue zukünftige Klapperkisten.

Was ich, die heile Wolke, dann machen werde? Wenn mein früheres
Material in alle Welt verschwunden sein wird? Werde ich bleiben,
was ich bin?

DIE BEIDEN SCHRÄNKE

Da standen einmal zwei Schränke. Der verschlossene Schrank
war voller kostbarer bunter Kleider, und der nicht verschlossene
Schrank stand voller staubfarbener Kleider.
Der hellgrüne glänzende Blouson mit dem silberblauen Emblem,
Krönchen über einem Wappen, so weit und den betastenden
Fingern schmeichelnd, leicht gerafft am Handgelenk und in der
Taille, zu gar nichts anderem passend, aber so wunderschön, nur
zum Ansehen und Anfühlen.
Die Langjacke in Anthrazit, locker gestrickt, ein bisschen aus
der Form, warm am Rücken, gemütlich, für die Katze über den
Sessel gelegt in kalten Winternächten.
Die Frau der Schränke fand immer von neuem, dass sie nichts
anzuziehen habe, und kaufte immer neue Kleider, kostbar-
farbige wunderschöne und zur Freude der Katze staubfarbene
warme praktische Kleidung.
Die ausgebeulten alten Blue Jeans, auch in grau, dunkelbeige,
taupe, schwarz, unempfindlich, erst nach vielen Jahren richtig
eingewohnt, leicht zu waschen und müssen nicht mal gebügelt
werden. In die warmen Röhren der Beine kriecht nach dem
Ausziehen gern die Katze.
Die hellblaue weite Seidenbluse mit grandioser Applikation, von
dunklen Pailletten umrahmt: Möwen über einem Segelschiff, mit
Perlenfisch im tiefblauen Wasser, von einem dunkelroten Band
unterflattert: TOUR DU MONDE, daneben Palmen, leuchtende
grüne Pailletten an den Blättern, überwölbt von einer
Südsee-Sonne mit bunt spitzenden Strahlen.
Von den neuen Kleidern kamen alsbald viele, oft nicht ein
einziges Mal getragen, mit in den geschlossenen Schrank. Die
anderen, staubfarbenen, wärmten die Frau und halfen gegen ihre
bitteren Schmerzen, die von der Kälte kamen. Und wenn sie
nicht mehr sehr gut waren, hat sie die Kleider den Armen gegeben.
Von den zarten Kleidern in dem verschlossenen Schrank aber
gab sie nie etwas weg, auch wenn sie schon sehr alt geworden
waren. Sie waren auch noch schön wie am ersten Tag. Und
immer wieder einmal schloss sie den Schrank auf und schaute
sich die Kleider an.
Das luftige hellblaue Seidenkleid mit den hellgelben und rosa
Rosen und weißen Pünktchen dazwischen, vorn weiß
durchgeknöpft, nie getragen. Das dunkelblaue zweiteilige, viel
zu groß gekauft, Cupro wie Seide, ein Kunstwerk, geschmückt
mit gleichmäßigen Reihen zierlicher vielfarbiger, vielleicht
barocker oder eher orientalischer Medaillons, die wie winzige
Teppiche aus dem Dunkelblau leuchten.
Und ihre Augen erfreuten sich an den hellen und den bunten
Farben und den seltenen Mustern, und über ihre Hände ließ sie
den kühlen zarten Stoff rieseln.
Aber dann wieder die weiße weichfaserige Outdoor-Jacke, die
immer so schnell staubschmutzig wird, aber so schnell
gewaschen und wieder trocken ist. Die vielen praktischen Shirts
für drunter, Farben gedeckt, angenehme Naturfasern, in
mehreren Schichten zu tragen, katzenfreundlich.
Die schwingende Leinenjacke mit zarten Rosen, man denkt an
eine Landedelfrau, das üppige hellbraune Kleid, mit
beigen Spielkartenmotiven bedruckt, das dunkle mit den
altmodischen Mille Fleurs, flirrend das weiß-grün-blaue aus
Krinkelstoff, das dirndlartige rote aus Leinen, der lange blaue
Rock, die dünnen Blusen alle.
An ihre feineren Kleider aus dem geschlossenen Schrank musste
die Frau zuzeiten denken, wenn der wiederkehrende Traum sie
überkam. Dann zog sie manche - in guter Zeit - doch einmal an -
und gleich wieder aus. Die Frau betrauerte es, dass sie die
Kleider noch nicht länger anbehalten konnte, denn sie sehnte
sich schmerzlich danach, sie zu tragen. Aber erst, wenn die Zeit
dafür gekommen wäre, in einer wärmeren Welt. Wenn sie keine
Schmerzen mehr hätte, die von der Kälte der Welt kamen.

LAMPENSCHIRME

Sie hat zum ersten Mal in ihrem Leben Bücher in den
Papiercontainer geworfen, noch gute Bücher, aber doch nicht
alle, die sie abgeben wollte. Papiermüll.
Sie hatte alte Bücher zur Sammelstelle bringen wollen, zum
Weiterverkauf, für mildtätige Zwecke. Sie wollte sich
verkleinern, wegbringen, was sie doch nicht noch einmal
brauchen würde.
Was sie dort haben wollen – Schuhe, gut erhaltene Wäsche,
Spielzeug, Kleidung, Büromaterial, Bücher zum Verkaufen.
Kleidung, Wäsche – das findet sich leicht. Schon vorher hat sie
aufgeatmet, wenn Platz wurde.
Aber von Büchern sich trennen? Aus dem Keller Reisebücher
voller Bilder und Geschichten, vergessene Serien alter Science
Fiction, Romane vom Grabbeltisch, geerbte Traktate und
Comedy, unglaubliche wahre Geschichten – garantiert ohne
Verfallsdatum. Aber auch das Weltall vor zwanzig, das Gehirn
vor zehn Jahren, Jahrbücher, das wuchtige Lexikon – verfallen.
Erstaunlich leichte Entscheidungen, erleichternd – weg damit!
Bei den Büchern in der Wohnung wird es schwieriger werden –
den Romanen und Biographien, der Lyrik, den Fallstudien, der
Wissenschaft – das hat noch Zeit.
Kisten mit Büchern stehen bereit. Viele gebundene Bücher, viele
Taschenbücher, meist ohne Makel, nur manche müsste man
lüften. Kann man die noch abgeben? Einige vielleicht doch
besser entsorgen? Aber: Bücher?
Die Frau in der Annahmestelle kommt skeptisch. Erst mal sehen,
was ich verkaufen kann. Nur Neues. Am Ende nimmt sie fast gar
nichts. Tut mir leid, müssen Sie verstehen, Älteres kann ich nicht
verkaufen. Taschenbücher gar nicht. Das können Sie alles zum
Bauhof bringen. Was machen die damit? Altpapier, die
schreddern sie. Sie entfernt die Umschläge von mehreren
Büchern, prüft die Einbände. Nimmt wenige. Dies ja, dies auch,
dies nicht, nein. Die glänzend neuen Exemplare dieser
unterhaltsamen, aus dem Französischen übersetzten Serie über
diese unglaublichen wahren Ereignisse – warum nicht? Nimmt
nur in Leinen gebundene. Warum? Wir haben da eine Frau, die
macht Lampenschirme daraus.

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