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Klaus Heimann - Arbeitsproben

Aus: TAXI ZUM NORDKAP

Ich stand mit meinem Taxi vor dem Hotel Handelshof und wartete auf Fahrgäste. Der schmucke Kasten liegt direkt gegenüber dem Hauptbahnhof in Essen. Hier gibt es immer Leute, die irgendwohin wollen.
Ein schöner Junitag kündigte sich an. Schon jetzt, um halb neun, zeigte der Himmel ein makelloses Blau. Dazu blies eine leichte, angenehme Brise. Nun ja, ein Taxifahrer hat nicht viel vom Wetter. Aber dem Auge und dem Gemüt tut so etwas gut.
Er kam von nirgendwo. Plötzlich wurde meine Tür aufgerissen und da stand er, der Mann, mit dem ich in meine wahnwitzige Reise starten sollte. Ich sah nur den knittrigen, nach meinem modischen Empfinden mindestens zwei Nummern zu großen, Kitt-farbigen Trenchcoat, einen breitkrempigen, hellbraunen Hut und einen riesigen Aluminiumkoffer. Seltsamerweise trug der Mensch bei diesem herrlichen Wetter schwarze Lederhandschuhe.
"Können Sie mich zum Nordkap bringen?", fragte mich der Typ mit einer sonoren Bassstimme.
Es kommt nicht alle Tage vor, dass man am Hauptbahnhof in Essen einen Fahrgast aufnimmt, der zum Nordkap will, das ist mal klar. Und so war ich im ersten Moment leicht begriffsstutzig und bat den Mann, seine Frage zu wiederholen.
"Zum Nordkap möchte ich. Fahren Sie mich hin?"
Ich witterte ein großes Geschäft, denn solche Exoten sind selten. Und: Die sollte man melken. Blitzschnell ging ich im Kopf den Taxitarif durch. "Bei Fahrten, deren Ziel außerhalb des Pflichtfahrgebietes liegt, hat der/die Taxifahrer/in den Fahrgast vor Fahrtbeginn darauf hinzuweisen, dass das Beförderungsentgelt für die gesamte Fahrtstrecke frei zu vereinbaren wäre", steht dort irgendwo zu lesen. Die Strecke zum Nordkap lag bildlich vor mir, denn in den vielen Wartestunden durchstöberte ich begeistert Reiseführer über alle möglichen Länder. In Gedanken war ich mindestens ein dutzend Mal zum Nordkap gefahren. Es ist ein typisch menschliches Bedürfnis, irgendwo an ein Ende zu gelangen, etwa die Schule abzuschließen, beim Marathon das Ziel zu erreichen oder eben am nördlichsten Punkt Europas anzukommen. Ich rechnete die Kilometer hoch. Zwischen drei- und viertausend, schätzte ich. Ich fahre gerne Auto.
"Hin und zurück?", fragte ich den ominösen Kerl, um mehr Zeit zum Überlegen zu gewinnen.
"Nur hin", antwortete der und wurde ungeduldig, "fahren Sie nun oder nicht?"
"Das wird Sie neuntausend Euro kosten", beendete ich meine Kalkulation und schaute ihn, während ich ihm den Preis nannte, aufmerksam an, um seine Solvenz zu taxieren.
"Dann los. Aber ich stelle eine Bedingung: Wir fahren ausschließlich über Land und benutzen keine Fähre."
"Elftausend", wurde ich leichtsinnig, "plus Spesen."
"Einverstanden. Ich steige hinten ein."
Der Mann ging ums Auto herum, riss die Tür hinter dem Beifahrersitz auf und ließ sich ächzend auf das Polster der Rückbank fallen. Das ging mir zu schnell.
"Haben Sie denn so viel Geld dabei?", fragte ich ungläubig über die Schulter.
"Na klar. Würde ich Sie sonst anheuern?", kam es sehr überzeugend zurück. Ich hörte, wie die Verschlüsse des Alukoffers aufklappten.
Ein Blick nach hinten nahm mir den Atem. Im Koffer lagen, wie die Sardinen in der Büchse, lauter Geldscheine, sauber mit Banderolen zu kleinen Päckchen gebündelt. Wie viel Zaster mochte das sein?
"Sind die echt?", zweifelte ich an dem, was ich nicht glauben wollte.
"Sicher sind die echt. Und jetzt fahren Sie bitte los."
"Wie viel ist das?" Ich ließ nicht locker.
"Fünf Millionen Euro. Reicht das?", blaffte der Kerl zurück.
"Haben Sie eine Bank ausgeraubt?", wurde ich ängstlich.
"Ich versichere Ihnen, da steckt nichts Kriminelles dahinter."
"Na gut." Ich gab mich dem Mann und dem Anblick des Geldes geschlagen und meldete meine Fahrt bei der Zentrale an: "Wagen einhundertfünf. Habe einen Fahrgast zum Nordkap aufgenommen. Werde ein paar Tage unterwegs sein."
"Bist du bekloppt", meldete sich eine blecherne Frauenstimme aus dem Lautsprecher, "solche Fahrten will der Chef erst genehmigen."
Unser Chef, den wir hinter vorgehaltener Hand "Blechnapf" nennen, hat gerne den Überblick. "Blechnapf" haben wir ihn getauft, weil er mal eingesessen hat. Verknackt haben sie ihn wegen schwerer Körperverletzung. Danach sieht er übrigens auch aus mit seinem kräftigen Körperbau, der stark ins Bullenhafte spielt, und mit den blutunterlaufenen Augen. Ich mag ihn nicht, meinen Boss. Er hat mir bereits drei Mal gekündigt und sieben Mal den Lohn gekürzt aus nichtigen Gründen. Ich habe mir geschworen, dass Blechnapf irgendwann auf meiner Wiese Gras fressen wird.
"Bestell dem Chef einen schönen Gruß von mir. Er wird verstehen, dass ich dieser Fahrt nicht widerstehen kann", fertigte ich die Frauenstimme ab, knipste den Funk aus und startete den Motor.

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