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Klaus Heimann - Arbeitsproben

Aus: HEILE WELT AN RHEIN UND RUHR

An der Nordgrenze des Blessed Island Rhein-Ruhr waren die urbanen Reste historischer Städte wie Bottrop, Gelsenkirchen oder Herne, nach der dunklen Zeit einfach stehen geblieben. Diese Städte hatten längst aufgegeben, im geografischen Sinne zu existieren und zerfielen jetzt in ein ungeordnetes Durcheinander aus alten Siedlungen, kleineren Gewerbegebieten, in denen mehr handwerklich als industriell gefertigt wurde und in Slums, die in atemberaubendem Wildwuchs aus dem Boden gestampft worden waren.

In der dunklen Zeit waren die sozialen Netze, die in Jahrzehnten mühsam gewachsen, aber zum Teil auch schon vorher stückchenweise zerbröselt waren, endgültig zusammengebrochen. Das öffentliche Interesse an der Abfederung sozial schwacher Bevölkerungsgruppen war völlig erloschen. Was den Armen und Alten, den Arbeitslosen und Kranken, den Alleinerziehenden und Kinderreichen blieb, waren die Slums, die in rasantem Tempo überall dort entstanden, wo niemand mehr Ansprüche an Grund und Boden anmeldete. Dies waren vor allem die Industriebrachen, die aus den Zeiten verschiedener Wirtschaftskrisen übrig geblieben waren und ihrem endgültigen Verfallsdatum entgegensiechten. In diese Industriebrachen zog jetzt wieder Leben ein, wenn auch ein anderes, ein bescheideneres Leben, ein Leben an der Grenze zum Vegetieren. Die ehemaligen Industrieanlagen lieferten gratis Baugrund und Baumaterial. Phantasie und Muskelkraft zogen wieder ein, wo Generationen lang die schwere Arbeit des Ruhrgebietes zu Hause gewesen war.

In Rekordzeiten entstanden die verschiedensten Konstruktionen von Hütten, Baracken und simplen Unterständen. Manch einer gab sich mit einem Erdloch unter irgendeiner Bodenplatte aus Beton zufrieden. Der Eingang wurde notdürftig mit einer Span- oder Hartfaserplatte geschützt, die mit einer kleinen Portion Beschaffungsinstinkt irgendwo organisiert worden war, die Form des Erdlochs wurde durch Buddeln an den hinteren Ecken begradigt – fertig war das neue Heim.

An anderer Stelle entstanden durchaus ansehnliche Kotten mit vielleicht zwei Räumen, einem zum Kochen und Wohnen und einem zum Schlafen. Die Backsteine der zerfallenen Industriehallen, an den Kanten von Kindern und Frauen wie nach dem Zweiten Weltkrieg von Mörtelresten befreit, lieferten das willkommene Baumaterial. Es war allerdings schwierig, an Zement heranzukommen und daher blieb trotz des reichhaltigen Angebots an verwertbaren Steinen diese Art der Bebauung einigen Auserwählten vorbehalten.

Die meisten begnügten sich mit den verschiedensten Formen von verwertbarem Metall, das verstreut über die gesamte Fläche und auf Schrotthaufen herumlag oder sich kilometerlang als Rohrleitung durch das Gelände schlängelte. Wer Glück hatte, fand irgendwo ein paar Platten löchriges Wellblech, das wesentlich leichter zu transportieren war, als die aus irgendwelchen industriellen Anlagen heraus- geschnittenen Metallsegmente.

Mit der Zeit mutierten die Industriebrachen zu planlosen Flickenteppichen aus rotem Backstein, rostbraunem Eisen, grünem Kupfer, blind gewordenem Glas, Erdhügeln und Schotterlagen. Dazwischen wurden Gemüsebeete angelegt, Wege grob mit Stein- und Mörtelresten befestigt und Wäscheleinen gezogen. Die ehemals dem Verfall überlassenen Zeitzeugen der Industrialisierung einer vergangenen Ära wimmelten bald wie die Ameisenhaufen vor neuer menschlicher Existenz, die genauso für die Zukunft abgeschrieben war, wie einst sie. Darüber konnte auch die wärmende Frühlingssonne nicht hinwegtäuschen, die an diesem Apriltag über den Slums stand, genau wie über dem südlich angrenzenden Blessed Island Rhein-Ruhr.

"Ich hab was! Jau Matta, ich hab was!"

In einem schmuddeligen Unterschlupf irgendwo im Dirty Country nördlich des Blessed Island Rhein-Ruhr sprang ein junger Mann hinter seinem Bildschirm auf. Seine Oberlippe trug noch den Flaum der Jugend und seine ganze Erscheinung war absolut unauffällig. Er gehörte zu der Art Menschen, von denen man im Nachhinein nie wusste, ob sie an einer Party teilgenommen hatten oder nicht. Seine Haut glänzte schweißig im Halblicht und er zitterte vor Erregung.

Der Computer des jungen Mannes stand in der Ecke einer schäbigen Baracke auf einem Gestell aus ungehobelten Latten, in dessen unterem Fach noch weitere technische Geräte in Bastlerqualität untergebracht waren. Diese Ecke war von dem einzigen Fenster der Baracke aus nicht einzusehen. An den Wänden der Behausung prangten die verschiedensten Schriftzüge, hier und da unter Schimmelflecken verblasst: "Max. 10 kg", "Wasser vor Verzehr abkochen!", "Vorsicht Glas!", "Extended Memory", "Bitte nicht stürzen". Die Wände waren mit mehreren Lagen Wellpappe beklebt, dem Isoliermaterial der armen Leute.

Aus einer anderen Ecke der Baracke wackelte eine korpulente Frau, hoch in den Fünfzigern, zu dem Unauffälligen herüber. Ihre Unterschenkel steckten in Nylon-Kniestrümpfen, deren Saum unterhalb der Kniescheibe scharf ins Fleisch einschnitt. Über ihn hinweg stülpte sich, weiß und wasserführend, eine Fettwulst.

Den Oberkörper der Frau bekleidete ein abgetragener, kleingemusterter Kittel, dessen Farbe unmöglich zu bestimmen war. Aus ihm schaute zwischen rundlichen Schultern halslos ein gutmütiges Mondgesicht unter blondgrauen, stumpfen Locken hervor.

"Na, Schätzken, lass kucken."

Karl war verstört auf seiner Pritsche zurückgeblieben. Alle Energie, aller Protest war aus ihm gewichen und er spürte, wie die Ereignisse der letzten paar Stunden seinen Kräften zusetzten. Hätte ihn irgendjemand aus seiner Heimat in seiner erbärmlichen Lage gesehen, hätte er geglaubt, einen anderen Menschen vor sich zu haben. Das spürte er, ohne einen Spiegel zur Hand zu haben, um diesen Eindruck visuell zu überprüfen.

Ausweglos war seine Lage. Die Tür stand offen − das hatte er bemerkt −, aber die Riemen hielten ihn trotzdem gefangen. Außerdem wusste er nicht, was ihn hinter dieser Stahltür erwartete. Standen da bewaffnete Wachen? In was für einem Gebäude wurde er gefangen gehalten? Wie sollte er den Weg hinaus finden?

Er konstatierte, dass das ein ganz anderer Blessed Chief Karl war, der hier niedergerungen lag, als der, der gestern euphorisch mit Karriereplänen im Kopf im fernen Europa gestartet war. Mit Genugtuung hatte ihn gestern erfüllt, der Auserwählte zu sein, dem ein so wichtiger Auftrag übertragen worden war, quasi für ein paar Tage die rechte Hand des Blessed Mayor zu sein, nein, sogar statt seiner an der Konferenz teilzunehmen, sozusagen stellvertretender Blessed Mayor zu sein. Mit Freude und Tatendurst war er aufgebrochen, mit dem festen Willen, eine gute Figur zu machen und seine Heimat und seinen Chef würdig zu vertreten.

Und heute?

Heute steckte er tief in seinem persönlichen Elend, war nicht nur physisch Gefangener dieser Phantasten, sondern auch psychisch. Sein ganzes Leben war vernichtet. Er war nicht mehr Protagonist der großen Politik sondern das Werkzeug dunkler Mächte, deren Missbrauch zu entfliehen anscheinend unmöglich war.

"Was soll ich tun?", das war der Gedanke, der ihn jetzt bis zum Rand ausfüllte. "Kann ich etwas tun? Fliehen kann ich nicht, SOS funken kann ich nicht, schlafen kann ich nicht. Was kann ich tun?"

Es war für ihn untypisch, in wachem Zustand bewegungslos und beschäftigungslos herumzuliegen. Er war gewohnt, immer irgendetwas sinnvolles, zielgerichtetes zu unternehmen und sei es, sich gedanklich auf seine Arbeitsaufgaben einzustellen. Hier blieb ihm nichts. Hier lag er und besaß nur seinen Kopf, mit dem er nachdenken konnte über das vergangene Gespräch oder über seine Zukunft, oder mit dem er seinem Gejammer und irgendwelchen Sentimentalitäten nachhängen konnte, oder ... nichts.

"Bin ich bereit, zu sterben?"

Wieder drängte diese Frage in sein Hirn, bedrängte ihn wie ein lauernder Teufel. Er fürchtete sich vor diesem Teufel, denn das war der letzte Ausweg, wenn er auch Befreiung von allen drückenden Sorgen versprach. Fast wäre er gerade gestorben, fast hätte ihn dieser Dingo umgebracht. Nur ganz knapp war er dem Tod entgangen.

In diesem Moment selbst, die zupackenden Fäuste fest um seinen Hals geschlossen, in diesem Moment an der Schwelle, das Bewusstsein zu verlieren, war ihm der Gedanke ans Sterben gar nicht gekommen. Irgendwie hatte die Situation auf ihn wie der Showdown zu einem billigen Film gewirkt und hätte er nicht die Atemnot und den Schmerz an seinem Hals körperlich empfunden, wäre es für ihn in gerade diesem Moment ein willkommenes Hinübergleiten in den ewigen Frieden gewesen, nichts Großartiges, nichts Gewaltiges, sondern eine Erlösung von dem Horror, der ihm angedroht worden war.

Das wäre so einfach gewesen, die Lösung aller Probleme. Es war ihm nicht vergönnt gewesen, diesen einfachen Weg zu beschreiten. Er war gezwungen, weiter den Weg der Qual zu gehen, zu kämpfen, seinen Weg zu suchen, die Straßenbreite zwischen den gegenüber liegenden Hauseingängen auszumessen.

Karl ertappte sich erschrocken selbst bei diesen Gedanken. "Das bin doch nicht ich, der ich mir solche Dinge einrede", fuhr es ihm durch den Sinn. "Ich will doch leben, will doch mein Amt, meine Lebensaufgabe ordentlich verwalten, will doch für meine Familie sorgen, meinen kleinen Harald aufwachsen sehen, will noch Karriere machen, habe doch noch Ziele. So schnell bringt man doch keinen Blessed Chief Karl zur Aufgabe!"

Die Spekulation über das, was den Entführern noch schief gehen konnte, schlich auf leisen Pantoffeln in sein Denken. Sie flüsterte ihm ein: "Es ist noch ein langer Weg, bis sie den Klon fertiggestellt haben. Es kann noch so viel passieren bis dahin. Wer sagt denn, dass sie die Technik so virtuos beherrschen, wie es der Schwarze behauptet hat? Wer sagt denn, dass alles glatt geht? Warte ab. Warte einfach ab!"

Dieser miese Schwarze hatte Recht: Die Hoffnung, den Entführern könne eine Panne unterlaufen, sie könnten etwa den Chip nicht aktivieren oder verlören den Kontakt zu ihm oder der Klon würde absterben oder, oder, oder... Die Hoffnung, dem angekündigten Schicksal zu entrinnen auf irgendeine preiswerte, einfache Art, das würde ab jetzt sein Lebensnerv sein. Diese Hoffnung würde ihn auch in den verzweifelsten Augenblicken vor dem letzten Schritt bewahren. Er würde nicht fähig sein, das Schwert des Märtyrers gegen sich selbst zu führen.

"Zwei Jahre bleiben mir noch! Ich sehe meine Familie, mein Haus, meine Mitarbeiter wieder! Ich werde Auswege finden, mit der Bedrohung klar zu kommen, werde die Terroristen umdribbeln, werde die Situation beherrschen lernen! Ich bin Blessed Chief Karl! Ich bin ich! Ich habe einen Namen zu verlieren! Man schaut auf mich und erwartet Leistung von mir! Ich will diese Leistung für mich! Reiß dich zusammen, Blessed Chief Karl! Blessed Chief Karl!"

Karl hatte ein erstes der langen Reihe Tiefs, die wahrscheinlich noch vor ihm lagen, durchschritten. Genau dieser Mechanismus würde seine Zukunft bestimmen, das immer wieder erneute Hochrappeln, das Anlehnen an seine Stellung im Blessed Island Rhein-Ruhr, an seine Herkunft und sein Versprechen an seine Herkunft. Er würde den Käfig seiner Bestimmung, seiner Einstellung zum Leben nie durchbrechen können, besaß kein Veränderungspotenzial, war aboniert auf den für sein Leben festgelegten Leitfaden, auf die Palette an Farben, die er nun einmal für sein Lebensbild gewählt hatte. Seine Kritikfähigkeit war zu schwach, um eine andere, eine Palette der Zwischenfarben anzumischen, mittels der er seinen Malstil leise, für andere unmerklich, hätte verändern können.

Karl eignete sich nicht zum Taktierer. Nichts, weder Einsicht noch Bedrohung, weder gutes Zureden noch Todesgefahr hatten ihn bis hierher weich gespült und nach Lage der Dinge würde ihn auch in Zukunft nichts weich spülen. In ihm war der Welt ein Hardliner geboren, der unter allen Bedingungen nur seinem eigenen, unumstößlichen Leitbild verhaftet war.

Dies war seine Stärke.

Und dies war seine Schwäche.

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