NRW Literatur im Netz

Dr. Gudrun Tossing - Arbeitsproben

Aus: JENSEITS VON JENEN

Teddy hat Angst. Während unserer ganzen Fahrt die Küste entlang hat er schon gespürt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wir sitzen in der letzten Reihe eines Greyhound, in den wir in Astoria zustiegen. Unser weniges Gepäck haben wir im Netz über unseren Köpfen verstaut. Teddy sitzt am Fenster und ich neben ihm am Gangplatz.
Ich sollte mit meinem Bruder reden, um ihn abzulenken, aber mir ist so gar nicht danach zu sprechen. Ich starre nur einfach schweigend vor mich hin.
"Jack, bist du böse mit mir?", fragt er und legt mir seine schwere Pranke auf den Unterarm, die doch so gar nicht zu der weinerlichen Kleinkinderstimme passt. Er hat mich aus meinen Sorgen aufgeschreckt.
Immer wenn Teddy in die Stille hinein spricht und ich ihn dann unvermittelt ansehe, wird mir dieser Gegensatz bewusst: ein Koloss von Kraft mit dem Benehmen eines Kindes. Und worüber immer ich in Sorgen brütete, dann wird mir noch beklommener - so auch jetzt.
"Nein, Teddy", versuche ich ihn zu beruhigen. "Warum sollte ich dir denn auch böse sein?"
Mir gehen die dunkelsten Gedanken durch den Kopf, und die spürt Teddy instinktiv. "Ich will zurück zu Doc", sagt er kläglich. Und mir gibt es einen Stich ins Herz. Auch ich will zurück zu Doc, doch das geht nicht.
Es wird nie mehr gehen.
Meine Beklemmung ist so groß, dass ich glaube, mir stockt der Atem.
Teddy wird jetzt ganz still und verfällt in seine Monotonie. Er schaut vor sich hin und bewegt nur seinen Oberkörper ständig vor und zurück, diese rhythmische Bewegung, die ja ein typisches Symptom seiner psychischen Erkrankung ist.
Er blickt nicht nach draußen, als habe er Angst davor, wohin die Reise geht. Dabei schaute er sonst doch so gerne aus dem Fenster, wenn wir im Bus unterwegs waren oder gelegentlich von einem Trucker ein Stück auf unserem Weg mitgenommen wurden. In einem Stück plapperte er darüber, was er da draußen vorbeiziehen sah.
Es gab auch jetzt viel zu sehen. Die Oregon-Küste mit ihren Steilklippen und ihren rabenschwarzen Felsmonolithen im Meer gilt als eine der schönsten der Welt, auch wenn sie zurzeit etwas regenverhangen erschien.
Okay, für spektakuläre Naturszenerien war Teddy noch nie besonders empfänglich. Aber er hätte sich normalerweise über die Möwen gefreut, die Boote auf dem Meer oder auch nur über einen Hund, der gerade die Fahrbahn kreuzt.
Ich wollte, Teddy könnte sich mit dem, was man aus dem Fenster sieht, ein wenig ablenken, wo mir so elend ist.
Doch ihm ist nun auch so bange, wo er instinktiv meine Verzweiflung spürt. Er schaltet sich völlig ab, rettet sich in diese monotone Bewegung, ein Charakteristikum seiner Krankheit, das mich stets besonders nervte.
Teddy kann für alles nichts. Er kann nicht in die Zukunft sehen, wie es mit uns weitergehen soll. Er hat mir meine Zukunft verbaut - durch seine bloße Existenz. Da kann er nichts für. Und er ist auch an allem, was geschah, völlig schuldlos.
Natürlich hat er dem Mädchen nichts angetan. Wenn es da zu einem Zusammenstoß, welcher Art auch immer, gekommen wäre, hätte es ihn völlig aufgewühlt. Doch als ich ihn am Morgen nach Lullas Verschwinden wiedersah, war er ruhig.

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