NRW Literatur im Netz

Susanna Filbinger-Riggert - Arbeitsproben

Aus: Kein weißes Blatt. Eine Vater Tochter Biografie

"Das hast du doch nicht gemacht, oder? Du hast doch keine Todesurteile gefällt, oder?" Wir saßen natürlich mal wieder am Abendbrottisch, aber Vater bat mich in die Bibliothek.
"Warum hast du nie darüber gesprochen?"
Dieses Gesicht - und wie die Worte aus diesem Gesicht herauskamen. Und diese Worte enthielten weder ein Ja noch ein Nein als Antwort. Stattdessen eine ungeheuer lange Erklärung, der ich zu folgen versuchte. Von Pfarrer Möbius und Guido Forstmeier sprach er, deren Leben er gerettet hatte und wie er das gemacht hatte, wie man Todesurteile in Haftstrafen umwandeln konnte. Er sprach von Militärjustiz und NS-Recht, von Fahnenflucht und von Todesstrafe, von international anerkanntem Militärrecht und wieso man in britischer Gefangenschaft noch immer Disziplin aufrecht hatte erhalten müssen und wieso er das hatte machen müssen ... und ich sah immerzu in dieses Gesicht. Ich versuchte zu verstehen, ja, das versuchte ich durchaus (...).

[S.141 - 142]

Aus: Kein weißes Blatt. Eine Vater Tochter Biografie

Es ist dunkel im Raum, als Erstes gehe ich zu den Vorhängen und ziehe sie zur Seite, ich schalte die Lampen an, drehe die Heizkörper auf. Ein zartes Spinngewebe, fast unmerklich, streift meine Hand, ich ziehe sie erschrocken zurück.
Ich lasse den Blick durch den Raum schweifen: die wandhohen Regale, erdrückend, wie ich schon immer fand, sein großer Schreibtisch, ein Stehpult, eine Sitzecke, zwei Armsessel vor dem Fernseher und viel Raum zum Auf- und Abgehen. Wie oft ist er hier auf- und abgegangen, hin und her. Und wie oft habe ich dabei gesessen und ihm zugehört. Auf dem Couchtisch liegt ein Stapel Kondolenzbriefe, alles ist überzogen von einer feinen Staubschicht. Keine Frage, hier war seit Monaten kein Mensch mehr. Mir fällt eine Anekdote von Picasso ein. Der Maler hatte sich ungeheuer aufgeregt, als eine seiner Frauen in seinem Atelier ungefragt Staub gewischt hatte. Er brauche den Staub, nur so könne er sehen, was bewegt worden war. Wie still es hier ist. Bücher, die nicht gelesen werden, schweigen ungeheuer laut. (…) Jetzt poltert es in den Heizkörpern. Lange werde ich nicht bleiben, beschließe ich, gehe zu den großen Glasschiebetüren und öffne sie. Wie viel heller es mir jetzt draußen vorkommt, obwohl der Himmel noch immer bedeckt ist. Fern der Schwarzwald, vor mir am Hang unser desolater Garten. Ich bin hier groß geworden. Hier im Garten habe ich das Laufen gelernt, sprechen gelernt, denken gelernt, fühlen gelernt. Wirklich? Hab ich hier fühlen gelernt? Oder war das woanders?

[S.10 - 11]

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