NRW Literatur im Netz

Sabine Schulze Gronover - Arbeitsproben

Aus: TODGEWEIHT IM MÜNSTERLAND

Was macht man, wenn man noch vier Tage zu leben hat? Die verbleibenden Nächte durch die Straßen ziehen, sich betrinken und sein Geld verprassen? Bedeutungsschwangere Abschiedsessen veranstalten und sich von der Verwandtschaft trösten und beweihräuchern lassen? Oder gar ein schwindelerregend hohes Gebäude besteigen, um dem Himmel schon jetzt ein Stück näher zu kommen und die Zeitspanne von vier Tagen auf eine Stunde zu verringern?
Ich hatte die Qual der Wahl. Und wissen Sie, welcher Gedanke mir als Erstes zu schaffen machte? Was, wenn ich krank würde? Wenn ich einen von diesen ekligen Magen- und Darminfekten bekäme und zwei von den vier Tagen über der Kloschüssel verbringen müsste? Jemand anders konnte sagen, okay, dafür wird das Wochenende halt schön, doch ich hatte nur noch vier Tage. Eine Krankheit mit einer Inkubationszeit von mindestens vier Tagen konnte mir natürlich nichts anhaben. Bei Licht betrachtet, gab es sogar Vorteile: Die Ärzte könnten bei mir heute den größten Tumor feststellen und bösartige Krebszellen ausmachen, es wäre völlig egal. Ich konnte über den Zusammenbruch unseres Rentensystems herzlich lachen und meinen Zahnarzttermin in zehn Tagen absagen. Sie fragen sich jetzt bestimmt, warum ich in vier Tagen sterben werde, oder konkreter, woran ich sterben werde. Ich klinge ganz munter und gewiss nicht sterbenskrank. Das bin ich auch nicht.

Aus: LUZIFER UND DER KÜSTER

Meine Beerdigung war eine enttäuschende Aneinanderreihung von Geschmacklosigkeiten. Aber die Organisation dieser so persönlichen Veranstaltung war mir leider nicht vergönnt.
Der Pfarrer hielt eine Ansprache über meinen Einsatz in der Jugendarbeit, über die vielen jungen Seelen, denen ich angeblich eine neue geistige Heimat bereitet hätte. Machen wir doch kein Theater darum. Ich bin von Beruf Sozialpädagoge und habe nur meinen Job gemacht.
Des Weiteren lobte der Pfarrer meinen stets mutigen Einsatz, ohne zu erwähnen, wie gern er mich dabei behindert hatte. Beispielsweise, wenn es um Spenden für die Jugendarbeit ging oder dar um, gemeinsame Aktionen mit Jugendlichen aus dem sozialen Brennpunkt und seinen Messdienern zu organisieren.
Er sprach von meiner Nächstenliebe und verschwieg seine Vorurteile gegen junge Menschen aus muslimischen Familien. Er tat so, als wäre ich einer seiner fleißigen Kirchgänger gewesen, obgleich die Anzahl der Hostien, die ich aus seiner Hand empfangen hatte, erschreckend gering war.
Und dann kam das Ave-Maria, gesungen von Herbert Knoll aus dem Kirchenchor. Das Ave-Maria ist ein wunderschönes Lied, aber so abgenutzt wie Jingle Bells am zweiten Weihnachtsfeiertag. Wie konnte man mir nur so etwas antun? Über meine jahrelange Feindschaft mit Herbert Knoll will ich an dieser Stelle gar nicht reden. Das gehört schließlich nicht auf eine Trauerfeier. Aber ich hätte mir ein passenderes Abschiedslied gewünscht. Ein weniger sanftes, weniger getragenes Lied. Bei mir war schließlich nicht alles piano und andante, es gab auch oft crescendo und fortissimo.
Ja, und dann erst die sogenannten Trauergäste. Ein gutes Drittel von denen hätte von mir niemals eine Einladung erhalten. Einigen nahm man die Trauer ohnehin nicht ab. Da standen tatsächlich Leute an meinem Grab, die sich letzte Woche noch geweigert hatten, mit mir am Telefon zu sprechen! Wollten sie herausfinden, unter wie vielen Zentimetern Erde man mich in den Boden verbannte?

Aus: ROTE SCHATTEN ÜBER MÜNSTER

Dem Museum war es offensichtlich nicht einmal einen Tag lang gelungen, die Antiquitäten der indianischen Gäste zu schützen, und Herr Dr. Horn sah so aus, als machte ihm genau dieser Gedanke zu schaffen. Mit hochrotem Kopf stand er zwischen den beiden hünenhaften Indianern und nestelte an seiner Armbanduhr. Hinter ihm füllte sich der Raum allmählich mit neugierigen Besuchern, unter ihnen auch Birgit, die Christine auf ihrem Stuhl erstaunt ansah.
"Wissen Sie, was fehlt?" Dr. Horns Stimme klang zittrig.
Es war Corwin Standing Child, der nach kurzem Überlegen antwortete: "Es fehlen Waffen, darunter einige Bowiemesser und ein Zeremonienstab mit dazugehöriger Rassel." Hier machte er eine Pause und schaute zu Chief Thomas.
"Und es fehlt das Geistertanzhemd."
Etwas in seinem Tonfall ließ Christine aufhorchen, doch Birgit erklärte beinahe enttäuscht: "Das sind ja nun nicht gerade die wertvollsten Dinge der Ausstellung. Was soll denn das?"
Eine Antwort bekam sie nicht.
Christine folgte Herrn Dr. Horn und Corwin Standing Child, die nun zur Information eilten. In der großen Eingangshalle des Museums kamen weitere Besucher auf sie zu und stellten Fragen. Doch der verstörte Schrei einer jungen Dame brachte alle gleichzeitig zum Verstummen. In die gespenstische Stille hinein hörte man nur noch die Schritte von Dr. Horn. An der Information, direkt vor dem grauen Telefon, saß die Frau, die noch vor zwei Stunden allen Gästen freundlich zugenickt hatte. Sie rührte sich nicht, die Augen waren starr aufgerissen und ihr Oberkörper blutüberströmt. Das Rot bildete einen makaberen Kontrast zum Grün ihrer Bluse.
Jemand hatte ihr die Kehle durchgeschnitten. Das Chaos war perfekt. Mehr Schlagzeilen konnte eine Ausstellungseröffnung kaum erreichen.

Aus: TOTENTANZ IM MÜNSTERLAND

Bestimmt war ihr Name schuld. Rafaela. Wer nannte sein Kind schon Rafaela? Es sei denn, man mochte Putten, diese pausbäckigen Kindsengel. Sie sah ja auch ein wenig so aus, fand Rafaela. Sie hatte ein paar Pfund zu viel, und ihr Gesicht wollte seine kindlich runde Form nicht verlieren. Jetzt, mit Ende dreißig, brauchte sie auf aristokratisch edle Züge nicht mehr zu hoffen.
Da halfen auch die Beteuerungen ihres Freundes nicht, dass sie mit ihrem vollen, frischen Gesicht und der kleinen Stupsnase so niedlich aussehe. Zumal Marcel, ihr bester Freund, schwul war. Ursprünglich hatte Marcel, sie war sich sicher, dass er eigentlich Markus hieß, sich in ihren Exmann Andreas verguckt. Damals hatte Andreas häufig in dem Bistro gegessen, das Marcel, ein guter Koch und netter Charmeur, mit einigem Erfolg leitete. Es befand sich in der Nähe seines Büros. Ihr Mann Andreas war des Öfteren mit seinem Geschäftspartner dorthin gegangen, meistens in der Mittagspause. Oft hatte er aber auch allein im Bistro gesessen.
Die beiden Männer hatten sich angefreundet. Allerdings machte Marcel immer einen Schmollmund, wenn er über die Art ihrer Freundschaft sprach. Andreas war nämlich keineswegs schwul.
Rafaela hatte ihn aus anderen Gründen verloren. Andreas und sie besaßen eine nette Eigentumswohnung am Rande von Münster, sie hatten eine entzückende Tochter, kannten sich seit siebzehn Jahren, und dennoch hatte ihr Mann eines sonnigen Morgens verkündet: "Ich gehe ins Kloster und werde Mönch."
Natürlich hielt sie diese Information zunächst für einen Scherz. "So schlecht wird der Sex mit mir doch nicht sein", rief sie belustigt aus. Zwei Tage später war er weg. Er nannte sich nun Bruder Andreas. Es gab feste Besuchszeiten, an denen sie mit ihrer Tochter sehen konnte, wie aus ihrer großen Liebe ein Mann Gottes wurde. Der athletische Körper verbarg sich in schwarzen unförmigen Gewändern, und das früher so lebendige Gesicht erstarrte zunehmend vor Andacht.
Warum durfte man die Schönheiten von Gottes Schöpfung eigentlich so wenig bewundern? In diesem unkleidsamen Gewand steckte nun ihr Gatte, und sie durfte ihn kaum mehr berühren. Toll. So etwas passierte wirklich nicht vielen Frauen. Wenn man jemandem erzählte, dass der Ehepartner einen verlassen hatte, um sich in Askese und Gebet zu vertiefen, dann fanden viele die Geschichte sogar schrecklich lustig. Das war doch mal etwas anderes, als wenn man wegen einer anderen Frau sitzen gelassen wurde.

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