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Maria Rhein - Arbeitsproben

Der Werwolf von Münster

Prolog

Lupus lächelte und sein Blick folgte den weißgrauen Nebelschwaden, die langsam über die Felder und Wiesen krochen. Dies war seine Nacht. Der helle Mond tauchte den Nebel in ein weiches Licht. "Mond, du bist mein Verbündeter", flüsterte er. Einen kurzen Moment hielt Lupus inne und genoss die nächtliche Stille, dann hastete er zwischen den Bäumen vorwärts, tief geduckt, immer auf der Suche nach den dunklen Schatten der Bäume. Lupus hechelte und Dampfschwaden stiegen vom erhitzten Fell seines Körpers auf. Hinter einem der mächtigen Baumstämme blieb er stehen. Er lauschte und konnte nichts Beunruhigendes hören. Sein Herz raste so sehr, dass er das Klopfen im Hals fühlte. Bald würde die Nacht vorüber sein und damit auch die unstete Gier auf die Jagd. Immer wieder zog ihn der Vollmond in die Dunkelheit hinaus. Seine Arme und Beine begannen zu schmerzen. Überall, in jeder Ader seines Körpers, fühlte er den Sog, der ihn hinaus in die Nacht zwang. Nichts bedeutete ihm mehr als seine Bestimmung. Denn er war Lupus, der Wolf. Anstrengung und Wachsamkeit ließen seine Augen brennen und nervös blickte er auf sein Fell. Würde er heute Nacht ein Opfer finden? Der Gedanke an die Jagd verursachte ein warmes Glücksgefühl. "Öffne dein Herz!", hörte er die tiefe Stimme in seinem Kopf. Sie redete nicht oft mit ihm, aber heute schon zum zweiten Mal. Vor jeder seiner Verwandlung sprach sie zu Lupus, ermahnte ihn, auf Gottes Wege zu achten. Er gab sich alle Mühe, nach den Zeichen des Herrn zu suchen.

"Bald kommt die Zeit, in der du zum wahren Werkzeug Gottes werden wirst", hörte er die Stimme. Lupus wartete, bis sie fortfuhr: "Bald wirst du durch dein Werk einen neuen Namen erhalten." Wieder wartete er auf erklärende Worte der Stimme. Aber sie blieb stumm. Eine bleischwere Müdigkeit bahnte sich langsam ihren Weg in jede Faser seines Körpers. Er sackte förmlich in sich zusammen. Keinen Schritt konnte er mehr tun, ohne dass seine Muskeln schmerzten. In seinem Kopf dröhnte es, wie Kanonenschläge eines Artilleriefeuers. Immer wieder hämmerte es in seinem Schädel, manchmal tagelang, so wie jetzt, die Stimme ließ ihm keine Ruhe, zeigte kein Erbarmen. So würde auch er kein Erbarmen zeigen. Lupus, der unbarmherzige Jäger, das wahre Werkzeug Gottes ...

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