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Charlotte Schroeter - Arbeitsproben

Aus: DAS GERSTENBERG-HAUS

Am 2. März 1634 kam Caspar zur Welt. Obwohl Katherina jung und gesund war, war es eine schwere Geburt, die nicht ohne Komplikationen ablief. In den letzten Monaten hatte sie immer wieder gefiebert. Laurentz sah dies als Bestätigung seiner Diagnose: Die Wurzel des abgebrochenen Zahns hatte sich entzündet und löste bei Katherina Fieberanfälle und Schüttelfrost aus. Laurentz hatte nur wenig Erfahrung in Geburtshilfe und überließ es seiner Mutter, die selbst neun Kinder zu Welt gebracht und auch bei zahlreichen Geburten in der Nachbarschaft zugegen war und geholfen hatte, Katherina zu beruhigen und heißes Wasser zur ordern, um nicht wieder einen Kunstfehler zu begehen.
Caspar saß in der Küche und hielt sich die Ohren zu, um die Schreie seiner Frau nicht hören zu müssen. "Es ist zu früh", murmelte er immer wieder. "Es ist zu früh."
"Laurentz sagt, die frühe Geburt sei durch ihre Krankheit im November ausgelöst worden", sagte Johann Gerstenberg und reichte seinem Sohn ein Glas Pflaumenschnaps, den Laurentz sonst zur Desinfektion von Wunden verwendete.
"Hätte er doch die Finger von ihr gelassen! Wenn jetzt etwas passiert, trägt er allein die Schuld!"
"Deine Mutter und Laurentz wissen schon, was zu tun ist. Eine Geburt ist immer eine riskante Sache."
Engel und Else pendelten zwischen Geburtszimmer und Küche und brachten immer mehr Wasser und vorgewärmte Tücher und Decken. Als die Geburt nach mehr als 24 Stunden vorüber war, konnte Margareth ihrem Sohn einen gesunden und gut gewachsenen Knaben präsentieren. Beide hatten Tränen in den Augen, als sie Caspar seinen Sohn in die Arme legte.
"Caspar soll er heißen, Vater", stammelte Caspar. "Wie Du und ich. Er wird das Geschäft wieder groß machen."
Johann nickte und strich dem Kind gerührt über den seidigen Haarflaum. Weniger gut hatte Katherina die Geburt überstanden. Ihr Becken war gebrochen und sie hatte viel Blut verloren, leblos lag sie auf dem blutbefleckten Strohsack. Laurentz glaubte nicht, dass sie die nächsten Stunden überleben würde und gab ihr Laudanum, um sie zu beruhigen. Caspar hatte kaum einen Blick für seine Frau, er betrachtete das Kind ohne Unterlass, strich ihm über den Kopf und die kleinen, zu Fäusten geballten Hände.
"Er sieht ganz wie Katherina aus", sagte Margareth und beugte sich über das in weiche Leinen gewickelte Bündel. "Nur die Augen, die hat er von uns. Sieh mal Caspar, hat er nicht Augen wie Laurentz? Und er sieht gar nicht wie ein früh Geborenes aus. So kräftig..."
Caspar schaute das Kind noch einmal genau an und lauerte darauf, dass es die Augen öffnete. Und dann erkannte auch er, was seiner Mutter aufgefallen war: Sein Sohn hatte die ungewöhnlichen Augen seines Bruders. Caspar Blicke wanderten zwischen dem Kind und seinem Bruder hin und her.
"Wessen Kind ist es?", fragte er dann ruhig seine Frau. Die Zeit der Schwangerschaft über hatte er bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Er hatte die Blicke gesehen, die Katherina und Laurentz sich zuwarfen und hatte nicht wahr haben wollen, dass Katherinas Schwangerschaft stets weiter fortgeschritten zu sein schien, als sie ihm erzählte. An die Zeugung des Kindes konnte er sich nicht erinnern. Auch später konnte er sich nicht wieder überwinden, mit Katherina als Mann und Frau zusammen zu kommen. Als er jetzt der Augen des Kindes ansichtig wurde, stand für ihn fest, dass er hintergangen worden war. Hintergangen und belogen von der eigenen Frau und dem Bruder.
Er reichte das Kind an seine Mutter weiter, der die Veränderung in ihrem Sohn aufgefallen war.
Auch Laurentz trat einige Schritte zurück, als er in Caspars Augen einen bedrohlichen Ausdruck bemerkte.
"Ich frage, wer der Vater des Kindes ist", wiederholte er drohend. Laurentz schaute verzweifelt zwischen Katherina, die halb bewusstlos in ihrem Bett lag und Caspar hin und her.
"Caspar, lass Dir doch erklären..."
"Ich höre. Hast Du dich vergnügt mit meiner Frau? Seit wann denn? Wie oft denn?"
"Caspar, es war nur ein Mal, als ich zurück gekommen bin... es ist einfach passiert..."
Caspar drängte seinen Bruder aus dem Zimmer und auf den Flur hinaus.
"Und wann wolltet ihr es mir sagen? Wolltet ihr es mir irgendwann sagen?“
"Was sollte das bringen? Du wärst doch glücklicher gewesen, wenn Du es nie erfahren hättest..."
Caspar packte seinen Bruder am Kragen seines dunklen Wams und näherte ihm sein vor Zorn entstelltes Gesicht. Die Brüder waren sich jetzt so nah, dass Laurentz die geschwollene Ader auf Caspars Stirn deutlich sehen konnte.
"Ich wusste, dass von dir nur Schlechtes ausgehen kann! Seit dem Tag deiner Geburt, seit Du aus Mutters Schoß in deine erbärmliche Existenz gekrochen bist, seit ich dich das erste Mal sah, wusste ich, dass Du nur Unheil bringen würdest und ich hatte recht!"
"Jetzt ist es aber genug!", schrie Laurentz und stieß seinen Bruder heftig von sich.
Margareth und Engel, die im Türrahmen von Katherinas Zimmer kauerten, schrien entsetzt auf, denn Caspar fiel schwer gegen den Eichenschrank, der am Treppenabsatz stand. Laurentz ging leicht in die Knie und streckte die Hände vor, um einen weiteren Angriff seines Bruders abzuwehren.
Caspar schüttelte den Kopf und warf die schweißnassen Haare aus der Stirn. Etwas Spucke klebte ihm am Kinn und seine Lippen waren feucht vom Speichel. Er sprang mit einem Satz auf Laurentz zu und legte seine großen Hände um seinen Hals. Laurentz ruderte verzweifelt mit den Armen, doch Caspar verengte ihm weiter die Luftröhre. Margareth trat einen Schritt vor, um einzugreifen, Caspars Gesichtsausdruck hielt sie aber zurück. Sie war sich sicher, in seinem Zorn würde er auch nicht davor zurück schrecken, seiner Mutter Gewalt anzutun. Auch Johann Gerstenberg war durch das lautstarke Wortgefecht im oberen Wohnbereich aufgeschreckt worden und hastete, als er erkannte was vor sich ging, die Treppe hinauf.
"Jungens, um Himmels Willen!" Erfolglos versuchte er, Caspar von seinem Bruder loszureißen.
Laurentz ächzte nur noch mühsam, seine Augen traten aus den Höhlen und sein Gesicht lief langsam blau an. Als es Johann endlich gelungen war, Caspar die Arme hinter dem Rücken zu verschränken, fasste Laurentz sich lautstark hustend an den Hals und beugte sich erschöpft vor, bis seine Hände fast den Boden berührten.
"Du bist doch selbst Schuld", keuchte er. "Du hast sie doch vernachlässigt und damit..."
Weiter kam Laurentz nicht, denn Caspar befreite sich aus der Umklammerung seines Vaters und stürmte erneut auf seinen Bruder zu.
"Ich schlag dich tot!", brüllte er, doch Laurentz umfasste Caspar nun seinerseits an den Schultern und stieß ihn von sich, darauf vertrauend, dass dieser sich am Treppengeländer würde festhalten können. Caspar konnte es nicht. Ihm wurde schwarz vor Augen, wie schon so oft, in der letzten Zeit und auf der obersten Treppenstufe stehend, suchte er verzweifelt nach einem Halt hinter und neben ihm. Johanns beherztes Zugreifen kam zu spät, um Caspar vor dem Sturz zu bewahren. Polternd stürzte Caspars Körper die hölzernen Treppenstufen hinunter.
Margarethe stürzte auf den Flur, doch Johann hielt sie zurück, um ihr den Anblick am Fuße der Treppe zu ersparen. Laurentz schielte vorsichtig über das Treppengeländer und schloss sofort entsetzt die Augen. Am Fuße der Treppe lag Caspar, die Arme und Beine seltsam verrenkt, die Augen gebrochen. Aus seinem leicht geöffneten Mund rann dunkelrotes Blut. Laurentz musste nicht hinuntergehen, um festzustellen, dass sein Bruder tot war.

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