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Werner Streletz - Arbeitsproben

KIRMES

Oft stand ich an der Mauer und blickte hinüber zur Kaserne. Der dunkle Platz davor erinnerte mich an eine weite Moorlandschaft, obwohl ein Moor ganz anders aussieht, wie ich später anhand von Fotos in einem Bildband feststellte, den ich zufällig in einem Antiquariat entdeckt hatte. Doch da war ich schon groß geworden, und Plätze jeder Art hatten sich für mich zu eindeutigen Plattformen gewandelt, die man ohne Gefahr betreten konnte. Nur die Angst, mich damit schutzlos einem unbekannten Hinterhalt preiszugeben, die ist mir geblieben.
Damals jedenfalls glaubte ich fest an die Möglichkeit, unrettbar einsinken zu müssen, wenn ich den heimeligen Schutz im Schatten der Mauer verlassen würde. Der Platz würde mich zunächst mit scheinbar solider Festigkeit täuschen, mich zu zaghaftem Laufen veranlassen, und sich erst dann, wenn ich die Mitte erreicht hätte, als glucksender Brei zu erkennen zu geben, der mich in die Tiefe zu ziehen gedachte. Mir schien die Kaserne unerreichbar zu sein.
In den aus meiner niedrigen Perspektive gewaltig anmutenden, lang hingezogenen Block aus der Kaiserzeit, früher genutzt als Drillstation für angehende Schupos, waren nach dem Zweiten Weltkrieg ehemalige Zwangsarbeiter, die aus dem Osten ins Reich verschleppt worden waren, eingewiesen worden. Meine Schulkameraden und ich, die wir in der Nähe in einem eilig hochgezogenen Nachkriegsbau wohnten, pflegten seinerzeit das Gerücht, in der Kaserne würden die Wanzen von der Decke fallen, und die dort lebenden Kinder zerquetschten sie zwischen den Fingerspitzen oder schoben sie dem nächstbesten Gegner in den Rachen.
Ich stellte mir graue Räume vor, in denen die Familien zusammengepfercht lebten. Statt eines Bildes nur ein Stück abblätternde Tapete an der Wand. Kein Platz für einen Tisch, sondern alle würden beim Essen auf der Bettkante sitzen, den Teller mit der Wassersuppe auf den Knien. Und an der Decke grinsten die Wanzen, und manche stürzte sich in selbstmörderischer Absicht in den Teller. Doch die hungrigen Kinder erschreckten nicht, sondern schoben mit dem Löffel die Fleischeinlage auf den mehrfach gesprungenen Tellerrand, an dem keilförmig eine Ecke fehlte.
Das Treppenhaus stellte ich mir damals noch düsterer vor als die durch ein Funzellicht erhellten Wohnungen. In manchen Etagen würde es sicherlich kein Geländer geben, und wenn man runterschaute, schwindelte es einem. Bestimmt waren unvorsichtige Kinder schon in den Schlund zwischen den Treppenaufgängen gestürzt, danach schwer verletzt oder tot. Und wer aus dem Halbdunkel der Kaserne nach draußen trat, mußte zunächst eine Zeitlang hilflos in die Sonne blinzeln.
Neben dem Exerzierplatz stand der ehemalige Pferdestall; damals beliebte Knutschecke, staubig und feucht, für Pärchen, die nur gestört wurden, wenn irgendjemand irgendetwas suchte in den Brocken, die irgendjemand hierhergebracht hatte, mit der Karre oder im großen Karton, hierhin in die hölzernen Pferdeboxen, deren Balken so splittrig waren, daß man aufpassen mußte, um sich daran nicht zu verletzen. Die Tische, Stühle, Kisten, Schränke, Flaschen, Fliegenklatschen, die ganze wurmstichige Erinnerung an die alte Heimat, hundertmal um - und zur Seite geräumt, flog später geschlossen auf den Müll.
Wir saßen damals gern in diesem Gerümpel, das so viele Geschichten erlebt zu haben schien, fürchterlich schreckliche darunter, sicherlich, doch bestimmt auch wunderschöne. Nicht selten kam Kasimir dazu, einer der wenigen Polenjungen, die mit uns deutschen Kindern etwas zu tun haben wollten. Kasimir verstand unsere Sprache recht gut, und er machte sich dadurch unentbehrlich, daß er aus dem Holz-, Papp- und Eisengewirr im Pferdestall die besten Buden bauen konnte, abenteuerliche Konstruktionen zwar, die wackelten, wenn man sie unbedacht berührte, die jedoch niemals über uns zusammengebrochen sind.
Ich stellte mir vor, daß Kasimir in dieser Behelfsunterkunft auch übernachten würde, da sie für ihn sicherlich komfortabler wäre als das provisorische Zuhause in der Kaserne. Und während ich mich so in selbstzufriedenem Mitleid für Kasimir erging, erzählte er uns, daß sie tief drinnen in der Kaserne eine Kirmes hätten, einen glänzenden und glitzernden Jahrmarkt: mit Kettenkarussell, Selbstfahrer und Granatapfelbude. Alles, was ihr euch denken könnt, sagte Kasimir. Wir glaubten ihm zunächst nicht, doch als er uns wortreich die Kirmes farbig malte, den Würstchenstand einer anderen Kasernen-Etage zuordnete als das altertümliche Kinderfahrgeschäft, als sich das Treppenhaus zur Rutschbahn und der Keller zum Panoptikum verwandelte, da hatte er uns überzeugt. Wir wollten sofort los, rüber.
Geht nicht, stoppte uns Kasimir. Jetzt sei die Kirmes noch dicht, alles dunkel und unter riesigen Planen verborgen, damit nichts staubig werde. Das sahen wir ein, und dann machte Kasimir den Vorschlag, wir könnten doch für die Kirmes in der Kaserne eine Achterbahn bauen, weiß und blau und mit bunten Birnen allüberall. Wir waren sofort begeistert. Vielleicht sollten wir auch noch eine Boxbude oder einen Lotteriestand bauen, schlug ich vor. Das machen wir, das machen wir alles, war die einhellige Meinung. Kasimir sagte, er werde nach dem Mittagessen vor der Kaserne warten, dann könnten wir beginnen. Anschließend gingen wir zu unseren jeweiligen Reibepfannkuchen, Frikadellen oder Erbsensuppen.
Als wir am frühen Nachmittag über den Exerzierplatz liefen, spürte ich kaum Angst davor, einzusinken: erst bis zu den Knöcheln, danach langsam tiefer bis zu den Hüften. Es waren ja Freunde bei mir, die mich 'rausziehen würden.
Vor der Kaserne, neben den ausgetretenen Eingangsstufen, stand Kasimir, traurig. Wir stutzten, fragten, was los wäre. Da sagte er mit leiser Stimme: Wir können gar keine Achterbahn bauen. Wir haben doch keine Hämmer, keine Nägel, keine Bretter. Und plötzlich war uns allen klar, daß Kasimir recht hatte. Wir standen unschlüssig herum, und ich bemerkte einen breiten Fleck auf meinem Pullover, über den sich die Mutter sicherlich riesig aufregen würde.
Dann zeig' uns wenigstens die Kirmes, sagte einer von uns. Wir anderen nickten zustimmend. Da drehte sich Kasimir blitzschnell um, die paar Stufen hoch und rein in die Kaserne. Wir nach, doch die zugeknallte Tür klemmte, wir bekamen sie nicht auf. Wütend über den so jämmerlich entschwundenen Kasimir, gingen wir wieder über die Einöde zu den Pferdeboxen zurück. Eine seltsame Melodie klang aus einem Fenster der Kaserne, sicherlich keine Kirmesmusik, sondern langweiliges Geplärre von einer angestaubten Schallplatte. Ach, und der Platz ist auch niemals ein Moor gewesen, dachte ich.
Irgendwann wurde die Kaserne leergezogen. Kasimir, der sich nicht mehr bei uns gezeigt hatte, sei mit den Eltern nach New York ausgewandert, erfuhr ich von einem Freund.
Wenn später allerdings die Kirmes im Ort war, inspizierte ich an den Fahrgeschäften genau die Pfosten und Verstrebungen, um mir irgendwie den Zusammenhalt der Geräte vorstellen zu können. Ich graulte mich zwar vor der Geisterbahn mit den aufgepinselten Teufeln und Monstern. Doch wenn ich hinter die Bahn trat, löste sich alles auf in fleckige Holzplatten, die durch Stangen und Leisten miteinander verbunden waren. Dann drehte ich nur so zum Spaß die eine oder andere Schraube heraus, die ich locker in der Maserung gesteckt hatte.

Aus: Eisenmann. Geschichten. Edition Wort und Bild: Bochum 1996.

GRILLEN

Hommage an die "Nachtwachen des Bonaventura", 1804

Nach Mitternacht schaue ich kaum noch von der Verkaufstheke auf, nehme einen Pappteller vom Stapel, drehe ihn etwas in der Hand, um ein Gefühl für ihn zu bekommen, und packe die Haxe drauf. Das Sauerkraut daneben, das meist wie unappetitliches Lametta über den Rand hängt. Wenn die Kunden zugreifen, fällt ihnen nicht selten die neben das Fleisch gelegte Gabel zu Boden. Ich reiche ihnen eine neue, hebe - wenn ich glaube, daß es keiner sieht - die im Staub liegende Gabel wieder auf, streiche sie an meiner Schürze ab und ordne sie wieder neben die Teller.
Die Hitze, der Dunst, das Getöse der Blaskapelle, all das erschlägt mich fast. Ich schwitze wie Sau, und einige der Frauen mit den mütterlich dicken Oberarmen hätten mich sicherlich gern an ihre beträchtliche Brust gedrückt. Ich muß gestehen; es würde mir wohltun, mir, dem Dichter, dessen Verse in alten Kladden verstauben.
Ich fühle mich einsam in diesem Gewimmel, das erst erstirbt, wenn die letzte Papiertischdecke zerrissen ist und der König auf dem Thron, einem grobgezimmerten Holzpodest, die letzte Runde auf das Wohl der verbliebenen drei ausgibt. Dann verspüre ich, der King of table waters, ein Bedürfnis nach den abgestandenen Bierneigen, um mir jene Übelkeit und jenen Stumpfsinn zu erlauben, um den ich im Laufe des Abends so manchen beneidet habe.
Jetzt ist die letzte Haxe verkauft, und ich kann Kunden nur noch die Bratwürstchen nebenan empfehlen. Bei Elli. Die Zeit der Spezialitäten ist vorbei, und wenn ich durch das schmale Zeltfenster nach draußen auf die kleine, schon abgeschaltete Kirmes schaue, erkenne ich betrübt: Auch der Himmel zeigt keine Lichter mehr.
Es beginnen die Stunden, da ich mir nicht vorstellen kann, daß irgendwelche der Männer und Frauen, die an den Tischen gelegentlich mit ihren Stühlen wippen, irgendwann zu einem flotten Ausflug in die Sommerfrische aufgebrochen sein könnten, weit blickend, den Duft der Natur tief einatmend. Hier, der Bretterboden unterm Zeltdach, besonders dann, wenn sie sich auf der Tanzfläche merkwürdig linkisch anfassen, scheint mir der einzige Ort des Vergnügens zu sein, an den sie sich, am Morgen auf dem schlammigen Kirmesplatz stehend, sehnsüchtig erinnern. Und die Tage vergehen blitzschnell und ohne Spaß.
Wie gern würde ich sie begleiten, ihnen das Glück der Losbuden und das rasante Lebensgefühl des Cortina-Bob versprechend, ihnen einige meiner Verse zuflüsternd. Doch keiner will meine Verse hören, und mancher riet mir schon, stattdessen Werbetexte zu verfassen. Ich lächelte den wohlmeinenden Gesprächsfreund an und sagte: Mir sind vergessene Gedichte lieber. Da verlangte er die Haxe mit besonders viel Senf und bedeutete mir: Diese Nächte benötigen keine Gedichte. Und wie auf ein Zeichen erklang von der Kapelle ein Tusch, doch der galt nur dem Sieger der Tombola und nicht uns. Ich glaubte, einen gefühligen Bruder getroffen zu haben, doch er wehrte nur ab: Ach, was man so alles dahererzählt.
Ich sehe den einsamen Tänzer, der sich mit der Bratwurst in der Hand in den Hüften wiegt, aber schon lange nicht mehr bemerke ich jene kleine Frau, die sich ständig kämmte, weil sie einmal zum Hofstaat gehörten wollte. Was nie klappte. Ihre Fingernägel lackierte sie immer rot, obwohl sie ansonsten keine Schminke trug.
Und dann die Runde der vier Kollegen vom Bautrupp, die untergehakt miteinander schunkeln, besonders dann, wenn Marschmusik gespielt wird. Ich höre ihre zotigen Schüttelreime, und mich schmerzt es tief im Herzen. Leise flüstere ich meine Verse und steche wiederum viel zu fest in die Haxe, um überflüssiges Fett abzuschneiden. Doch wenn einer der hastigen Trinker sich am Bier verschluckt, dann möchte ich ihm helfend auf den Rücken klopfen.
Manchmal lache ich mit ihnen, als würde ich damit zeigen wollen: Ich gehöre zu euch! Möglicherweise würde der Umsatz sinken, hätten sie erkannt, daß ich ein verzweifelter Poet bin, dem alle Rohheit eigentlich fremd ist, der mit schierem Überlebenswillen das gegrillte Fleisch anbietet.
Ich würde gern an der Seite des Königs sitzen, wie ein Hofnarr alter Zeiten, und ihn mit klugen und despektierlichen Sätzen erfreuen. Der Gebieter über das Schützenvolk würde mir zulächeln, generös, väterlich. Und seine Kutsche wäre golden und würde ihm gehören, wäre nicht ausgeliehen beim örtlichen Reiterverein. Und sein Hofstaat bestünde aus zerbrechlichen Grazien und nicht aus handfesten Hausfrauen.
Einmal trat der König, den ein prächtiger Schnurrbart ziert, an meine Theke, und ich wollte ihm die schönste meiner Haxen andienen, doch er wünschte, da gerade auf Diät, nur etwas Sauerkraut. Als ich ihn zur Seite bitten, ihm eine kleine Reimerei zustecken will, dreht er schon ab, greift zu einem Krug Bier und verschüttet die Hälfte. Und spreizt beim Trinken nicht einmal den kleinen Finger ab.
Obwohl ich eigentlich Feierabend habe, wenn die Haxen verkauft sind, hocke ich fast immer bis zum frühen Morgen neben meinen auskühlenden Geräten. Warum sollte ich allein zu Hause sein und mich mit meinen Versen in den Schlaf murmeln? Dann fällt einer um und wird hinausgetragen. Kurze Zeit sprechen die Umstehenden von ihrem eigenen Tod, obwohl der eine wohl nur ohnmächtig geworden ist. Kreislauf, vielleicht.
Wenn mir ein Schütze in seinem Rausch von verlassenen Stellungen und sterbenden Müttern erzählt, wenn gelegentlich Hände nach meinem Hals greifen, weil mich jemand für seinen Feind hält, Frauen mit heulenden, übernächtigten Kindern durch flatternde Zelteingänge kommen, sogar unter den Holzbänken nach ihren Männern suchen, und später die ersten Kaninchen an festgetretenen Salatfetzen knabbern, klappe ich meinen Stuhl endgültig zusammen.
Wenn ich dann aufbreche, um im Schlachthof neue Haxen zu besorgen, wünsche ich mir, nur mit freundlichem Grüßen meinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Und ich denke, wenn du jetzt schmerzhaft gegen den Tisch stolpern würdest, wüßtest du nicht, welchen Fluch du ausstoßen sollst.

Aus: Eisenmann. Geschichten. Edition Wort und Bild: Bochum 1996.

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