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Hansjürgen Bulkowski - Arbeitsproben

SCHNITTWUNDE

Kurz bevor der Schmerz sich meldet, ist schon das enttäuschte, ratlose Bewußtsein da, den Schnitt in den Daumen womöglich selbst verantwortet zu haben. Aber der Schmerz muß nicht lange ertragen werden. Wenn er einsetzt, ist er auch schon vorbei. Das Küchenmesser fliegt beiseite, die Wunde steckt im Mund, Quelle eines frischen, nicht besonders unerträglichen Blutgeschmacks.
Ist der Einschnitt genügend tief, hört er nicht auf zu bluten. Falsch, den Daumen etwa unter einen Wasserstrahl zu halten. Es blutet nur noch mehr. Sofort ist das Becken voller hellroter Spritzer. Alles ereignet sich im selben Moment. Unter dem Druck der raschen Abläufe der panische Gedanke, es könne nicht mehr aufhören zu bluten, der Körper liefe aus. Erst eine papierne Serviette, mit einer Hand nervös aus der Schublade gezogen und auf die Wunde gepreßt, stoppt den braunroten Fluß. Nach einer Weile kann die Serviette weggelegt werden, winzige Zellstoffreste kleben am Daumen. Jetzt meldet sich auch der Schmerz wieder, nicht so heftig wie am Anfang, dafür andauernder. In der schräg eingekerbten, ein wenig auseinander klaffenden Schnittstelle befindet sich noch Blut. Es wird dunkler, etwas dickflüssiger, schleimig. Schließlich krustet es und wird fest.
Dann verschwindet die Wunde unter einem beigebraunen, die Farbe der Haut nur sehr unvollkommen imitierenden Stück Pflaster. Nur der Schmerz ist noch da, mal stärker aufwallend, mal zurückweichend. Auch mit dem Küchenmesser wird wieder hantiert, wenn auch mit anderer Aufmerksamkeit: der einer wachen Distanz und des Willens, das Werkzeug diesmal unter Kontrolle zu halten. Erfahrbar wird, wie oft im Tagesablauf ein (schmerzloser, heiler) Daumen gebraucht wird und wie sehr Wunde und Pflaster jetzt diesen Gebrauch beeinträchtigen.
Wenn nach zwei Tagen das Pflaster abgerissen wird, was bei einer behaarten Handoberfläche mehr schmerzen kann als die eigentliche Verletzung, scheint es als seien Haut und Fleisch oberhalb der schräg eingeschnittenen, noch immer rotschwarzen Wunde fast wieder zusammengewachsen. Aber nach weiteren Tagen verfärbt sich das Hautstück, es wird heller, gelblicher und ist mit einemmal deutlich von der übrigen Haut (auch Hornhaut) des Daumens zu unterscheiden. Schmerzen verursacht die Wunde jetzt nur noch, wenn sie irgendwo gegengestoßen wird. Was oft genug vorkommt.
Schließlich erweist sich das hellere, gebliche, nun weißliche Hautstück als etwas, was fremd ist an der Hand, etwas, dem nur noch die Abtrennung übrigbleibt. So fordert also das fremde, in den Körper eingedrungene Küchenmesser erst nach Wochen sein Opfer: eben einen Teil dieses Körpers. Mißtrauisch erfaßt das Bewußtsein, wie sich ein Teil seines Körpers von ihm löst. Die Abtrennung vollzieht sich derart leicht und schmerzlos, ja natürlich, daß im Bewußtsein doch die Ahnung umfassenderer Entleibung auftaucht, einer Entleibung, die nicht nur ein winziges Stück des Daumens sondern den ganzen Körper betrifft.
Zurückbleibt eine kleine unauffällige Narbe, die langezeit an Schmerz erinnert, auch an das glückliche Durchleiden des Schmerzes.

aus dem poetischen Realienbuch: ZUWENDUNG (Arbeitstitel)

KUGELSCHREIBER

Flink rollt seine Schrift übers Papier, stößt dabei die Hand immer ein Stück von sich weg. Den ganzen Arm treibt sie vor sich her, schafft sich den nötigen Platz. Weg da!
Dass die Schrift so leicht und schnell läuft, verdankt sie der winzigen Kugel, dem Bällchen aus Stahl oder Wolfram am Ende des Stifts - dieser kleinen Eichel an der Gliedspitze, angefeuchtet von einem Gleitsekret.
Während der, zugegeben sensiblere, Bleistift sich trocken an der Papierfläche abschabt und aufreibt, gleitet die Schreiberkugel flüssig dahin. Mit ihr findet alles Einkratzen, Einritzen ein Ende, das in den Jahrtausenden von der Tontafel bis zum Füllfederhalter das Schreiben bestimmt und ja auch benannt hat. Typisch für die kratzenden Schreibzeuge der Vergangenheit war, dass sie gerade, senkrechte Striche bevorzugten. Die Kugel in ihrer winzigen Gelenkschale hingegen vermag mühelos in alle Richtungen loszurollen und in runden Bögen zu schwelgen. Als wäre sie vornehmlich für die weibliche Hand erdacht und gemacht.
Ins Gleiten kommt das stählerne Bällchen natürlich durch die Farbpaste. Die drückt aus dem Innern der Schreibmine gegen die Kugel und färbt sie feucht ein. Zieht dann ihre dunkle Spur über das empfangsbereite weiße Papier. Selbst holzhaltiges Kreislaufpapier kann ihren Schwung nicht bremsen.
Im Vergleich zum Bleistift scheint es, als schriebe der Kugler unänderbar dick und kräftig. Als sei von Beginn an sein Strich gröber, plumper. Tatsächlich doch lässt sich sein Farbfluss fein dosieren: bei starkem Andruck läuft mehr Farbpaste aus, bei schwachem weniger. Ebenso unterscheidet sich ein bedachtsam gemalter vom eilig fortfliegenden Schriftzug. Flüchtig hingezeichnet erhält der Strich nicht nur weniger Farbe. Die Kugel rollt auch mit der verminderten Breite einer kleineren Oberfläche übers Papier. Die Schreibspur verdünnt entsprechend.

Nun kann gleichwohl nach längerer Schreibpause oder wenn die Mine eine zeitlang aufrecht steht oder einfach bei Kälte die Farbzufuhr ganz abreißen. Wie nervig, wenn sie erst durch verzweifelte Kritzelversuche auf Drucksachen aus dem Papierkorb wieder zum Fließen gebracht werden muss.
Umgekehrt läuft gelegentlich auch zuviel Farbe aus. Setzt zum Beispiel der Stift nach kurzer Unterbrechung wieder an oder wird er zwischen den Fingern gedreht oder bildet die Schriftlinie spitze Winkel und Zacken, quillt mehr Farbpaste als nötig aus dem Kugelgelenk und wirft winzige Kleckse.
Die ölig dickflüssige Farbpaste trocknet auf dem Papier rasch an. Die Kleckse aber sind erst nach Stunden vollkommen wischfest und können, wenn die Handballen zu früh darüberstreichen, sowohl Blatt als auch Hand verschmieren.

Staunen verdient, wie fest der kleine Stahlball trotz dauernder Drehung in der Minenspitze steckt. Er federt nicht, kann nicht wegbrechen, gibt aber auch nicht nach. Das verleitet dazu, stärker aufzudrücken, nachdrücklicher zu schreiben als notwendig. Manch Schreiber verwechselt seinen kraftvollen Aufdruck, seine schwere Hand mit dem gewünschten kräftigen Ausdruck. Wo Schreiben doch Dahinfließen ist, Auslaufenlassen der Gedanken.

Der Kugelschreiber steckt locker zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Er wird von der Hand geführt und im Laufe des Schreibvorgangs selbst ein Stück Hand. Ein verlängerter Zeigefinger. Der kann, nimmt er Schreibpapier zu Hilfe, auf rätselhaftere Gegenstände zeigen als der fleischliche, durchs Stifthalten gekrümmte.

aus dem poetischen Realienbuch: ZUWENDUNG (Arbeitstitel)

FUNDSACHE

was ist das fürn komisches Ding
auf diesem Papier
welch pseudonymer Verfasser
hat es verloren rabenväterlich
im Stich und hier liegen gelassen?

ich (zum Glück anonym) ich finde
besagtes Gesagte ich taste es ab
mit den Augen nehme es auf und
zögernd zur Hand (wie rauh es
zwischen den Fingern sich anfühlt)

nehme es in meinen Haushalt es
teilt mir den Tag in Daktylen ein
lehrt mich natürliches Atmen
wenn es still wird im Sessel
hört es was ich mit ihm rede
sagt es anderen weiter

A´DAM

in Grachten glänzt Hirnflüssigkeit
nervös spielt der Pegel
mit der lebensnotwendigen Höhe

innen die alten vergessenen Gefühle
eng und schief Häuser langsame
Straßen Ziegelchen unterm Fuß

da herum hellere Viertel
neuer und sachlich
schnelleres Leben in Klarheit

außen an grauen Gewässern
breitet in immer weiteren Ringen
das eiligste Wissen sich aus
im feuchten halbrunden Spielraum
gezwängt zwischen gestern und morgen
der stetsselbe sich ändernde Mensch

DIGITAL

ja nein ja nein unendlich
schmerzhafte Operation

binär zerrechnet der Kopf
seinen Körper

bis Leib und Sinne
igitdigit entzwei sind

und ihm nur noch der Zeige
finger gehorcht, das Schaltglied

im gekrümmten Weltraum des Kopfes
ein krummer parabolischer Finger

so nervös der auch tastet
zwischen ja und nein spürt er nichts

auf was er auch zeigt
immer zeigt er vorbei

auf das was imselben Moment
schon nicht mehr ist

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