NRW Literatur im Netz

Theodor Weißenborn - Arbeitsproben

Aus: DER NU ODER DIE EINÜBUNG DER ABWESENHEIT

Im Mai ’68 traf sich de Gaulle an einem geheimlichen Ort mit den Militärs, zog die Panzereinheiten um Paris zusammen, und die Truppe erwartete den Schießbefehl.
Zu der Zeit war ich mit Fleuriot in Nizza gelegentlich einer Vernissage mit Modenschau in der Rue d’Alembert, zu der fossile Gestalten erschienen. Ich erinnere mich an eine Scharteke mit einer Rückgratverkrümmung und einem Pferdegebiß, die sich mit Fächerhieben überall Durchlass und Vortritt verschaffte. "Das ist Boubu", sagte man mir. – "Boubu?" – "Nun ja, die Comtesse de Boubuillon. Sie ist mit einem Bourgeois, einem Filou in Nanterre liiert, der Parfüm verlegt."
Fleuriot hatte zwei seiner Bilder gebracht. Sie hingen unter anderen Bildern im Treppenaufgang, konnten ohnehin mit den Models nicht konkurrieren und blieben daher unbeachtet. Fleuriot ging voraus ins Hotel Justin, wo wir ein Zimmer gemietet hatten. Die Getränke waren frei, und ich blieb, und am Abend – es war der Tag, an dem die HUMANITE den Bürgerkrieg in Aussicht stellte – konnte ich mich nicht schlafen legen, weil Fleuriot eine Pute mit aufs Zimmer genommen hatte.

Aus: INSEL IM STROM. Gedichte, Gedanken

Daß ich nicht du bin,
daß du nicht ich bist,
beides
ist Mangel des Seins.

Doch daß ich ich bin
und daß du du bist
beides
ist Fülle des Seins.

So hab ich mein Übel
wie du das deine,
so hast du dein Gut
wie ich das meine.

Und so sind wir beide
in Ewigkeit eins:
die Leere des Nichts,
die Fülle des Seins

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