NRW Literatur im Netz

Ellinor Wohlfeil - Arbeitsproben

Aus: DAS RENDEZVOUS

Die Uhr zeigt zehn Minuten vor drei. In zehn Minuten würde es klingeln, wenn er pünktlich war. Noch schnell ein Blick über den Kaffeetisch: Das Limoges-Service, die Spitzendecke, der Strauß aus roten Rosen und Schleierkraut, die silberne Gebäckschale - alles sehr gepflegt. Und auch noch ein Blick in den Spiegel, obwohl ich mich schon fünfmal dessen vergewissert hatte, ob ich gut aussah: Das Make-up, nicht zu viel, nicht zu wenig; die Frisur frisch gestylt: das neue Sommerkleid streckte meine Figur und ließ mich schlanker erscheinen. Ich war mit mir zufrieden. Herr Diplomingenieur Schraube konnte kommen. Am Telefon hatte er gefragt: "Ich lese hier, daß Sie 1,65 m groß sind und 64 kg wiegen. Welche Kleidergröße tragen Sie? 40? Oder 38?" Etwas peinlich berührt antwortete ich vorsichtig: "Größe 42." "Aha, so so", brummte er, "mehr nach 40 oder mehr nach 44?" "Mehr nach 44", hatte ich wahrheitsgemäß und ganz bewußt in bestimmtem Tom erwidert. Ich brauchte meine Figur vor Herrn Schraube doch nicht zu rechtfertigen.
Während ich wartete, dachte ich daran, wie das alles eigentlich gekommen war.
"Mutter, du brauchst wieder einen Mann!" Mit dieser lakonischen Feststellung hatte mich mein Sohn eines Tages überrascht, ungefähr zwei Jahre, nachdem ich Witwe geworden war. "Es ist zwar schlimm, daß Papa so früh gestorben ist, aber das Alleinsein ist nichts für dich." Er sagte dann noch, ich müsse selbst etwas tun, denn es würde nicht plötzlich ein gutaussehender, charmanter Herr vor meiner Tür stehen und sagen: hier bin ich, ich bin der ideale Partner für Sie. "Und kauf dir auch mal was Neues! Wer alte Klamotten trägt, der sieht auch alt aus", meinte er zum Schluß.
Diesen guten Ratschlägen folgend, hatte ich mich mit einer Partnervermittlung in Verbindung gesetzt, und nun wartete ich auf mein drittes Rendezvous. Obe es wohl dieses Mal etwas werden würde?...

Aus: Ich bleibe solo.

Aus: VERWÄSSERTE ZEUGNISSE

Unvermittelt sieht Ruth ein langgestrecktes, zweistöckiges Gebäude mit einem Walmdach vor sich. Ist es aus gelblichem Sandstein gebaut? Das weiß sie nicht mehr so genau. Aber ein helles Gelb ist in ihrer Erinnerung die beherrschende Farbe. In der Mitte der Fassade ist eine große Flügeltür, rechts und links davon Fensterreihen, den Stockwerken entsprechend. "Die Mittelschule, die ich sechs Jahre besucht habe, ich sehe sie vor mir ... wie damals. Das Gebäude selbst liegt etwas zurück von der Straße, davor ist ein gepflasterter Hof. Links auf dem Hof befindet sich ein Fahnenmast. Zwei Jungen aus der obersten Klasse, 16 oder 17 Jahre alt, stehen an dem Mast und halten eine rote Fahne mit dem Hakenkreuz in den Händen, die an einer Seite schon an der Schnur festgemacht worden ist, mit der sie gleich hochgezogen werden soll. Alle Kinder der Schule sind in Viererreihen um den Hof herum angetreten. In Reih´ und Glied stehen sie still. Die Jungen balgen sich nicht, die Mädchen schwätzen nicht. Sie stehen wie kleine ernsthafte Soldaten. Alle sind in HJ-Uniform." Die Erinnerungen erfüllen Ruth plötzlich mit einer schmerzhaften Klarheit. "Alle tragen sie ihre schwarzen Hosen oder Röcke, die weißen Blusen, die braunen Jacken und das schwarze Halstuch mit dem braunen Lederknoten. Nur ich, ich bin anders gekleidet. Ich darf die Uniform ja nicht tragen, ich gehöre nicht dazu."
Ich weiß noch genau, was ich damals fühlte. Ich wollte mich am liebsten davon schleichen und irgendwo verstecken, nur nicht dort stehen müssen als eine Gebrandmarkte, Ausgestoßene: Sehen sie nicht alle zu mir hin mit einem hämischen Grinsen?

Aus: IM ZWIELICHT DER ZEIT

Anna starrt mit leeren Augen auf den Boden. Ein Käfer, blauschwarz mit einem glänzenden Panzer, krabbelt zu ihren Füßen auf der Erde herum. Sie sieht ihn nicht. Das Bild auf der Netzhaut dringt nicht in ihr Bewußtsein, ebenso wenig wie die Wärme der Sonnenstrahlen, die durch die Zweige fallen, das Spiel von Licht und Schatten, oder die vertrauten Geräusche, die zu ihr herüberklingen: das Dengeln einer Sense und das Kreischen der Gattersäge vom nahen Sägewerk. Sie hat sich in ihr Inneres zurückgezogen wie in eine Höhle, in der es kein Licht gibt, nur Finsternis. Sie verharrt lange so, sie fühlt sich leer, allein gelassen in einer unbekannten Öde, hinausgeworfen aus der Wärme des Lebens in eine feindselige, kalte Welt.
Der Käfer krabbelt noch zu ihren Füßen. Jetzt sieht sie ihn bewußt an und beobachtet aufmerksam, wie er sich müht, seinen Weg zu finden zwischen all den Hindernissen, die ihn aufhalten wollen. Er versucht, über Zweige und Tannenzapfen zu klettern, fällt wieder herunter, zappelt einen Augenblick, auf dem Rücken liegend, dann gelingt es ihm durch eine geschickte Bewegung, wieder auf die Beine zu kommen. Er schlägt eine andere Richtung ein, versucht, die Barrieren zu umgehen, die ihn aufhalten wollen. Anna konzentriert sich ganz auf den Käfer. Sie zwingt sich dazu, sein Bemühen zu verfolgen, trotz aller Behinderungen weiterzukommen. Allmählich steigen Bilder in ihr auf, Bilder, die Fragen sind, auf die sie keine Antworten weiß, auf die sie von niemandem Antworten bekommen hat, nur die eine von ihrer Mutter: „Dein Vater ist doch Jude." Aber das ist keine Antwort gewesen, nur eine neue Frage. Sie hat darüber nachgedacht, tagelang, ohne zu begreifen, was anders sein sollte an ihrem Vater, anders an ihr selbst.
„Ich kann dich nicht aufnehmen", hat Lucie gesagt und ihr dabei den Arm um die Schultern gelegt. „Heute kannst du bleiben, aber du darfst nicht wiederkommen. Und die Uniform, die darfst du auch nicht tragen."
Anna hat die BDM-Führerin mit großen, verständnislosen Augen angesehen. „Warum?" hat sie leise gefragt. Alle meine Klassenkameradinnen werden doch aufgenommen, warum ich nicht, hat sie noch fragen wollen, aber die Worte sind ihr in der Kehle stecken geblieben.
„Frag deine Mutter, laß es dir von ihr erklären. Ich kann es dir nicht sagen."
Eigentlich ist Lucie nett gewesen, denkt Anna, sie hat mich so lieb angesehen und mich in den Arm genommen. Das ist damals auf dem Schulhof des Gymnasiums gewesen, bei der Aufnahme der Zehnjährigen in den Jungmädelbund und das Jungvolk. Seitdem hat sie es immer wieder gemerkt, daß sie nicht so selbstverständlich dazugehört wie früher: Beim Fahnenappell, wenn alle Kinder der Schule in ihrer Uniform angetreten sind, steht sie als einzige in ihrem Schulkleid da mit dem Gefühl, daß alle sie anstarren würden, als ob sie eine Aussätzige sei oder sonst irgendeinen Makel an sich habe. In der Pause, wenn ihre Freundinnen die Köpfe zusammenstecken und über Erlebnisse im „Dienst" reden, wird sie mit Worten wie „davon verstehst du ja doch nichts" oder „das geht dich nichts an" weggeschickt. Und wenn man sie zuhören läßt, dann muß sie selbst feststellen, daß sie nicht mitreden kann und zieht sich zurück.
Was ist anders an Vati? Was ist anders an mir? Immer wieder grübelt Anna über diese Frage nach. Wir leben wie alle anderen auch, wir sprechen dieselbe Sprache, ich gehe in die Schule wie alle Kinder, muß Hausaufgaben machen, ärgere mich über Lehrer, habe Angst vor Klassenarbeiten, bekomme Zeugnisse, freue mich über gute Noten und bin traurig über schlechte – genau wie sie. Aber immer wieder werde ich plötzlich ausgeschlossen, darf ich nicht mitmachen. (Ich bin ausgenommen von allem, was für die anderen selbstverständlich ist.) Warum?
„Gott schuf den Weißen, Gott schuf den Schwarzen, aber der Teufel schuf das Halbblut." Laut und durchdringend hat die Stimme des Lehrers geklungen, als er der Klasse diesen Satz vorsprach. „Wiederholen", kommandierte er. Im Chor haben die Kinder diese Worte nachgesprochen. Aber es hat dem Ohr des Lehrers wohl nicht überzeugend geklungen, nicht „markig" genug, wie er betont hat, und so schallte es noch einmal durch die Klasse: „Gott schuf den Weißen, Gott schuf den Schwarzen, aber der Teufel schuf das Halbblut." Anna hat den Satz mitgesprochen, ohne sich etwas dabei zu denken. Was der Lehrer sagt, das muß man tun. Plötzlich aber hat er sich umgedreht und sie angesehen. Mit einer Stimme, die viel menschlicher klang als vorher, hat er gesagt: „Das gilt aber nicht für dich, Anna." Zur Klasse gewandt, hat er seine Kommandostimme wieder angenommen. „Auswendiglernen!" befahl er. Alle Kinder haben sich zu Anna umgedreht. Noch jetzt spürt sie die Beklemmung, die Ratlosigkeit, die sie bei ihren Blicken überfiel. Zu Hause hat sie die Mutter gefragt: „Was ist ein Halbblut?"
Gertrud hat ihre Tochter erstaunt angesehen. „Wie kommst du darauf?"
„Wir mußten in der Schule so einen Spruch auswendig lernen: 'Gott schuf den Weißen, Gott schuf den Schwarzen, aber der Teufel schuf das Halbblut'. Was ist das, ein Halbblut?"
Anna hat bemerkt, wie das Gesicht der Mutter bei ihrer Frage einen düsteren, verschlossenen Ausdruck annahm. „Das verstehst du noch nicht", ist ihre kurze Antwort gewesen. Sie hat noch erzählen wollen, was der Lehrer zu ihr gesagt hat, aber eine innere Unsicherheit hat sie davon abgehalten. Die Mutter wollte anscheinend nicht darüber sprechen.
Wie Szenen aus einem Film, ungeordnet aneinandergereiht, tauchen alle diese Bilder in ihrer Erinnerung auf. Und dann fällt ihr der Traum ein, den sie in der vergangenen Nacht geträumt hat: Sie geht einen langen Gang entlang. Zu beiden Seiten sind Türen. Die Türen sind geschlossen. Sie klopft an die erste Tür, aber keiner macht ihr auf. Sie versucht es bei der zweiten, aber auch dort öffnet niemand. Sie geht weiter zur dritten, zur vierten Tür, aber auch die bleiben verschlossen. Ihre Erregung wächst, als sie nun von Tür zu Tür läuft, anklopft und um Einlaß bittet. Kein Mensch scheint sie zu hören, oder man will ihr nicht öffnen. Atemlos kommt sie bei der letzten Tür an. Sie ist ein bißchen größer als die übrigen, der Gang führt darauf zu. Sie klopft mit verzweifelter Kraft, und die Tür wird tatsächlich aufgemacht. Sie blickt in einen großen Raum, der voller Menschen ist, Männer und Frauen. Sie sitzen an Tischen und scheinen sich zu unterhalten. Als sie Anna sehen, fangen sie auf einmal alle an zu lachen. Erst ist es nur ein Kichern von Einzelnen, dann werden es mehr und immer mehr, aus dem Kichern wird Gelächter, und dieses Gelächter wird laut und immer lauter, schwillt an zu einem unheimlichen Getöse. Es dröhnt Anna in den Ohren und verursacht ihr Kopfschmerzen. Die Menschen in dem Raum zeigen mit dem Finger auf sie und hören nicht auf zu lachen. Erschrocken sieht Anna an sich herunter und stellt fest, daß sie nichts anhat, daß sie nackt ist. Furcht und Panik ergreifen sie. Sie läuft, wie von Furien gehetzt, wieder zurück durch den Gang.

Aus: IM BANN DER VERGANGENHEIT

Anna hält inne, lässt den Füllfederhalter sinken und starrt vor sich hin, müde und abwesend. So ist es oft in der letzten Zeit: Plötzlich überkommt sie eine unerklärliche Mattigkeit, eine tiefe Niedergeschlagenheit. Sie versteht nicht, warum. Da ist so ein großer Unterschied zwischen innen und außen, denkt sie, wie eine Kluft, über die man nicht hinweggehen kann. Mit leeren Augen blickt sie das Blatt Papier an, unfähig weiterzuschreiben.
Ihr ist, als lebte sie gleichzeitig zwei Leben. Eines nach außen, für alle sichtbar; ein zufriedenes, glückliches Leben, so, wie es von ihr erwartet wird; wie ihre Familie und die Menschen um sie herum es richtig, ja selbstverständlich finden. Das Leben einer strahlenden jungen Ehefrau und Mutter. Eines nach innen, das niemand sieht. Es ist ein geheimes, verstecktes Leben, das das helle Bewusstsein des Tages scheut und sich nachts in ihre Träume schleicht. Schatten liegen auf den Wegen in diesem Leben, die Schatten der Vergangenheit. Nebelschwaden lassen alles grau und öd erscheinen. Spinnweben, stark wie Seile, umschlingen sie, dass sie keine Luft mehr bekommt, und halten sie fest. Gespenster hocken in den Ecken, kauern hinter Bäumen und Mauervorsprüngen und machen ihr Angst. Anna weiß im tiefsten Innern, dass die anderen dieses Leben nicht sehen wollen, dass sie es falsch finden und nicht verstehen. Darum lässt sie nichts davon nach außen dringen. Aber das kostet Kraft. Es kostet Kraft, die Schatten zu verdrängen, die Gespenster zu verscheuchen und so zu tun, als gäbe es sie nicht, als sei das alles nicht da.
Langsam steht sie auf und tritt an das Bett ihres Kindes. Der kleine Klaus schläft ruhig, er atmet tief und regelmäßig. Eine Welle von Zärtlichkeit durchflutet Anna. Liebevoll betrachtet sie ihren Sohn: die vom Schlaf rosigen Pausbäckchen, die langen, seidigen Wimpern, das leicht geöffnete Mündchen, das zu lächeln scheint. Ganz sacht streichelt sie über sein Köpfchen und zieht die Decke gerade, unter der die nackten Beinchen hervorkommen. „Mein lieber kleiner Schatz, wenn ich dich nicht hätte!"
Dann setzt sie sich wieder an den Tisch und versucht, den Brief weiterzuschreiben. Sie hat noch Zeit. Es ist Mittwoch, und Ralf ist bei seinem allwöchentlichen Kegelabend. Er wird spät nach Hause kommen. Wie immer wird er einen Dunst aus Schnaps, Bier und Zigarettenqualm mitbringen und mit unsicheren Schritten zum Kühlschrank gehen, um sich noch eine Flasche Bier zu holen, als Schlaftrunk, wie er sagt. Wenn sie dann nebeneinander im Bett liegen, wird er ungeschickt und etwas grob nach Anna greifen, sie wird ihn abwehren und sich auf die andere Seite drehen, angewidert von seinem Geruch. Er wird sie in Ruhe lassen und schnell einschlafen, während Anna noch lange wach liegen wird, weil sie wegen seines Schnarchens nicht schlafen kann. So ist es immer, einmal in der Woche, am Mittwochabend. Anna seufzt leise auf und bedeckt ihr Gesicht mit den Händen. Ihr ist trostlos zumute. Sie fühlt sich sehr allein. Aber was für ein rücksichtsvoller und hilfsbereiter Ehemann Ralf ist, denkt sie dann. Diese Kegelabende müssen sein. Ein Mann braucht solche Vergnügungen mit seinesgleichen, braucht Männerfreundschaften. Wenn er doch auch einmal mit mir ausginge, so wie damals, als wir noch bei der Thalia waren. Ein Babysitter für Klaus würde sich schon finden. Sicher, wir haben wenig Geld, aber einmal im Monat zusammen ausgehen, das könnten wir uns leisten.
Ich muss zufrieden sein, ja, ich darf mich nicht beklagen. Sie lässt die Hände sinken. Ein Lächeln huscht über ihr eben noch so ernstes Gesicht. Wenn ich morgens aufwache, durchzieht schon der Kaffeeduft die Wohnung. Ralf macht das Frühstück. Und samstags ... „Schreib alles auf einen Zettel, was du brauchst. Ich fahre in die Stadt und besorge es." Wie oft sagt er: „Lass das Geschirr stehen, Anna, ich wasche ab, dann kannst du dich um Klaus kümmern." Ihr wird ganz warm ums Herz. Welcher Mann tut das? Alle, die uns kennen, beneiden mich. Und wie liebevoll er mit Klaus umgeht. Wie der Kleine jauchzt, wenn sein Vater ihn auf den Schultern herumträgt. Nein, ich darf mich nicht beklagen, es gibt keinen Grund dafür.
Und dann ist da plötzlich wieder dieses Schuldgefühl, das sie so oft quält. Bin ich undankbar? Eine schlechte Ehefrau und Mutter? Ich sollte mich freuen an dem, was das Leben mir geschenkt hat. Es sind die Schatten in ihrem Innern, die sie so oft traurig machen, die sie daran hindern, Erfüllung zu finden, das spürt sie und empfindet es wie ein Vergehen. Aber die Schatten, die Gespenster sind nun einmal da, sie wird sie nicht los. Was kann sie tun? Sie fühlt sich hilflos.

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.