NRW Literatur im Netz

Klaus Goehrke - Arbeitsproben

ERINNERUNG

Ich brenne du brennst
Wir brennen uns bis Zähne
Haare Muskeln schwinden
Wir nichts mehr von uns finden
Morgens wenn die Drossel jauchzend
Unsrer Asche den Weg zur Sonne zeigt.

FLAMMENSCHRIFT

Schon als die Straßen von Ur Menschheitswiege am Euphrat
Tote wie Tonscherben deckten Blut die Gruben füllte wie Gold
Die Gussform die Leichen wie Fett in der Glut vergingen -

Schon in sumerischer Zeit als der Himmelsstier feurig
Nieder auf Gilgamesch fuhr Uruks zornwilden Herrscher
Hirtenwolf der die Jungfrau lachend entriss dem Geliebten -

Schon als in Babylon jäh Flammenschrift die Palastwand
Hoch fuhr dass es den Weisen den Atem benahm zu dulden
Wie der große Belsazar Israels Dämon erwürgt ward -

Schon als das persische Heer Babel in Blut erstickte
Harun ar-Raschid Bagdad Tausend und eine Nacht baute
British Petrol die Paschas mit Erdöl statt Blut erquickte -

Da erglänzte die Hauptstadt heller als Babel höher
Als Gilgamesch Belsazar Harun Ar-Raschid thronte
Saddam. - Bis er sich vermaß mit den Ölherrn Golf zu spielen -

Bis sie begannen die Nacht zielgenau zu entflammen
In Bombenstimmung zu zünden über Bagdad das schönste
Feuerwerk aller Zeiten bildschirmpräzis zu platzieren

Bombe auf Bombe nach Plan sorgsam auszuradieren
Weiche wie harte Ziele Cleared by US Censor
Hoch gestimmt zu diktieren God bless Pax Americana -

Bis die Aktienkurse steil wie Raketen stiegen
Only some arabs fielen und der kuwaitische Ölprinz
Tief bestürzt heimfuhr an die qualmverhüllten Dollarquellen -

Da saß der Dieb von Bagdad tief im Bunker vergraben,
Stierte die Wand an und las: Mene tekel upharsin -
Öl so schreiben die Fackeln Öl soll fließen statt Blut!

ENDLICH FREI

Links und rechts fliegen Häuser vorbei, schwarze Schatten, denen ich entwische, bevor sie mich fassen. Ich drehe das Autoradio auf, um den Motor zu übertönen: I´m walking on sunshine, it´s time to feel good - abheben möchtest du, steil über die Schatten hinweg in den Morgenhimmel, keine Stauansage kann dich halten. Glückskind, steht dir ins lachende Gesicht geschrieben, kaum das Zeugnis in der Tasche, hast du deine erste Stelle sicher.
Ich zünde mir eine Marlboro an, Easyrider auf dem Weg ins Glück. Orange wälzt sich der Sonnenball über die Fahrbahn, ich rase mitten hinein. Da winkt hellblau das Abfahrtsschild und ich werfe mich schwungvoll in die Kurve. Schnell ein Blick in den Spiegel, Griff zum Lippenstift, die neuen Kollegen werden doch Schwarzlila nicht unpassend finden? Ich biege auf den Parkplatz ein, bunt blitzen in Reih und Glied die Karossen, für meinen Twingo gibt es gerade noch ein Plätzchen am Rand, wo die Pflasterung aufhört. An Schneewasserpfützen vorbei hüpfe ich auf das Portal zu. Niemand sonst ist in Sicht, ich bin spät.
Ich stürme die Stufen hoch, geradewegs der Direktorin in die Arme, die sich an der Eingangstür aufgestellt hat. "Da sind Sie ja", trompetet sie mir fröhlich entgegen, "kommen Sie, das Kollegium erwartet Sie." Mit festen Schritten stöckelt sie mir voran, ich hefte mich an ihren Kostümrock. Schon reißt sie eine ledergepolsterte Tür auf und ich blicke auf eine Doppelreihe von neugierigen Gesichtern. "Darf ich einen Augenblick stören. Ich möchte Ihnen unsere neue Kollegin vorstellen, sie gibt Religion und Deutsch." Alle Augen zielen auf mich. "Wie war noch Ihr Name?" "Agblefi", helfe ich leise, "Kirsten Agblefi."
"Agblefi?" Sie zögert einen Moment. "Ist Ihr Mann Türke?" "Nein", lächle ich, "Togolese." "Togolesien", stockt sie, "das liegt doch in..." "Togo", ergänze ich, "Westafrika." "Ach - Ihr Mann ist Neger." "Afrikaner", flüstere ich. "Aus Togo", strahlt sie, "wie schön, da haben wir etwas gemeinsam." Verblüfft starre ich sie an. "Mein Urgroßvater war dort, im Auftrag der Barmer Mission. Er hat den Eingeborenen die christliche Botschaft gebracht. Herrlich, nicht?"
Sie führt mich in den Raum. "Der Mann von Frau Agbelfi", verkündet sie - "Agblefi", berichtige ich, "Agblefi" wiederholt sie - "ist Neger." Dröhnende Stille. Plötzlich arglos eine Stimme: "Wird die Pausenklingel jetzt durch eine Buschtrommel ersetzt?" Erlöstes Kichern, das mir den Atem nimmt. Ich wende mich abrupt um, doch die Direktorin hält mich am Arm fest. "Nana" tadelt sie sanft die Lacher und drängt mich vorwärts. "Auf gute Zusammenarbeit!" Ich spüre meine Beine nicht mehr und zeige auf den nächst stehenden freien Stuhl: "Darf ich?"
Der Grauhaarige daneben guckt mich entgeistert an: "Sicher, Frau Kollegin, aber..." Er deutet auf seine Tasche, die auf dem Sitz steht. "Kein Aber", fährt ihn die Direktorin an. Ich bin froh, dass es nun klingelt-trommelt und sich alle wie auf Kommando von ihren Plätzen erheben.
"Kommen Sie", ermuntert mich die Chefin, "ich führe Sie in ihre Klasse." "Oh, ich soll sofort beginnen?" "Warum nicht. Sie werden eine angenehme Überraschung erleben." Sie prescht los, ich folge ihr wortlos. "Sie lernen Yasmin kennen, auch eine waschechte Afrikanerin." Auch-auch-auch trommelt es in meinen Ohren.
"Etwas ungebärdig", setzt sie heiter hinzu, "aber das kennen Sie ja." "Sicher", murmele ich, "das ist eben so - in diesem Alter." Sie scheint einen Moment zu stutzen, geht dann rasch weiter die Treppe hinauf. "Viel Erfolg", höre ich ihre Stimme, fern wie aus dem Busch. Meine Expedition hat begonnen, mitten im Winter im Bergischen Land.
Es beginnt zu schneien. Ich bin müde und reiße die Augen weit auf, dass das Licht schmerzend hineinfährt. Im Nu sind die Felder weiß, nur wenige schwarze Flecken zeigen, wo die Erde wärmer ist. Frei, endlich frei, summt es irgendwo tief in mir, aber ich bin viel zu müde um einzustimmen. Afima nyeméyi o. Dorthin gehe ich nicht...

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.