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Nadine d'Arachart - Arbeitsproben

Die Muse des Mörders – Kapitel 1

1.

Die Hitze war unerträglich und sein Hemd klebte binnen weniger Sekunden an seinem Körper. Staubflocken wirbelten durch die Gänge des Kellergewölbes und mit jedem Schritt, den Dominik Greve vorwärts tat, wurde der Geruch von Weihrauch, vermischt mit dem süßlichen Duft von Flieder und Verwesung, stärker.
Er wusste, dass es falsch war, allein herzukommen, doch sein Ehrgeiz hatte ihn leichtsinnig werden lassen. Instinktiv schloss er die Hand fester um die Glock 17 und schlich weiter durch die Schwärze, bis er ein Geräusch vernahm. Er presste sich gegen die Wand, starrte den Gang hinunter und lauschte. Unter das Heulen des Windes und das Scharren der Taubenkrallen auf den Fenstervorsprüngen mischte sich jetzt eine leise Melodie. Ihr Klang war ähnlich wie die Töne aus der Blockflöte seiner Tochter, nur heller und klarer. Ein Adrenalinschub ließ sein Herz schneller schlagen, als er vor sich das Flackern von Kerzen entdeckte. Sie war hier und er war nur noch wenige Meter davon entfernt, dem Spuk endlich ein Ende zu machen.
Als er weiterging, hatte er das Gefühl, anstatt über den feuchten Steinboden über Watte zu laufen. Obwohl er sich trotz seiner Körpergröße nahezu lautlos bewegte, fürchtete er, dass sie ihn hören und die Flucht ergreifen würde. In dem Labyrinth aus Fluren und Räumen würde sie ihm zweifellos entkommen, und das konnte er nicht riskieren. Er hatte fast zwei Jahre auf diese Chance gewartet.
Das Kerzenlicht vor ihm wurde heller und der Fäulnisgeruch steigerte sich so stark, dass Dominik die Luft anhielt, um sich nicht zu übergeben. Sie musste sich hinter der nächsten Biegung befinden. Er entschied sich gegen das Überraschungsmoment, spähte um die Ecke und wäre beinahe schreiend zurückgeprallt. Von bunt gefärbten Flüssigkeiten in gläsernen Fläschchen umgeben, saß Catharina Vecina auf dem Boden. In der einen Hand hielt sie eine Flöte, auf der sie immer wieder die gleiche Melodie spielte, in der anderen den Leichnam eines Babys. Ehe Dominik reagieren konnte, nahm sie das Instrument von den Lippen und sah ihn an. Der Blick aus ihren grauen Augen schien sich direkt in ihn zu bohren, auch wenn er sicher war, dass sie ihn im Schatten der Wände nicht erkennen konnte.
»Ich wusste, dass du kommen würdest. Margaretha hat so viel von dir erzählt.« Die heisere Stimme passte zu ihrem runzeligen Äußeren, das Dominik erstaunte. Er wusste, dass sie kaum älter als vierzig sein konnte.
Er trat vor und richtete die Glock auf ihre mit Ketten behängte Brust.
»Sie sind verhaftet. Legen Sie alles aus den Händen und stehen Sie auf.«
Vecina verzog den Mund zu einem Lächeln und platzierte die Flöte übertrieben langsam auf dem Boden. Sie hauchte dem Leichnam einen Kuss auf die Stirn und bettete ihn auf einen Haufen aus bestickten Tüchern. Die Behutsamkeit, mit der sie das tat, machte ihm den Grad ihrer Geistesgestörtheit nur umso deutlicher.
Dominik spürte die Gefahr, die von der dürren Frau ausging, und behielt jeden ihrer Handgriffe genau im Auge, um im Notfall sofort reagieren zu können. Vecina erhob sich, wobei ihr Blick erneut auf das Baby fiel.
»Es war zu schwach, um zu überleben, und hätte seine Mutter mit in den Tod gerissen«, sagte sie, während sie über die Giftfläschchen hinwegstieg. »Wusstest du, welch heilende Wirkung dem Blut eines Säuglings zugesprochen wird? Es heilt die Seele, Dominik. Jede Seele.«
»Ihre Hände. Ausstrecken!« Dominik würde sich nicht aus der Fassung bringen lassen. Er vermied es, das Baby anzusehen, und konzentrierte seinen Blick auf die Arme der Hexe. Als er ihr die Handschellen anlegte, stieß sie einen tiefen Seufzer aus, sonst nichts.

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