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Regina E.G. Schymiczek - Arbeitsproben

Hildegundis und die Kinderkrone

Sie waren vor einer großen, geschlossenen Doppeltüre angekommen, vor der zwei festlich gekleidete Wachen standen. Die gedämpften Geräusche, die aus der Halle drangen, verrieten, dass sich dort schon viele Menschen versammelt hatten. Die Wachen öffneten jetzt die Türen und der Haushofmeister des Erzbischofs begrüßte Theophanu und ihre Begleitung. "Hochedle Äbtissin Theophanu, erlaubt, dass ich Euch und Eure Begleitung zu Seiner Exzellenz, dem Hochwürdigsten Herrn Erzbischof, geleite." Theophanu nickte zustimmend, worauf der Haushofmeister die Führung übernahm. Hildegundis war froh, Martin an ihrer Seite zu haben. Sie war ganz aufgeregt bei dem Gedanken, gleich dem Erzbischof vorgestellt zu werden. Es gab auch so viel zu sehen – die vielen festlich gekleideten Adeligen und geistlichen Würdenträger, hin- und her eilende Diener, die alle einheitliche Kleidung trugen, prächtige Teppiche und Vorhänge an den Wänden und hunderte von Kerzen in kostbaren Leuchtern, die alles in ein strahlendes Licht tauchten. Musikanten unterhielten die Gesellschaft, die größtenteils schon an den langen Tafeln Platz genommen hatte und von den Dienern mit Wein bewirtet wurde. Einige große Jagdhunde liefen hechelnd zwischen den Tischen herum – sie wussten, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis das Essen aufgetragen und dann der ein oder andere Knochen für sie abfallen würde. Eine Tafel stand etwas erhöht vor Kopf. Hier standen nur drei besonders kunstvoll geschnitzte Stühle mit kostbaren Samtkissen, die schon andeuteten, dass hier wohl die wichtigsten Personen Platz nehmen würden.
Vor dieser Tafel standen drei Männer, die in ein Gespräch vertieft waren. Einer von ihnen war in besonders kostbare Goldbrokatgewänder gekleidet und trug an einer schweren Goldkette ein großes goldenes Kreuz, das mit seinen Emailarbeiten Theophanus Kreuz glich. Vor diesem Mann verneigte sich der Haushofmeister und sagte: "Hochwürdigster Herr Erzbischof, hier bringe ich Euch die Hochedle Äbtissin Theophanu und ihr Gefolge." Während sich der Haushofmeister und die anderen beiden Männer diskret zurückzogen, beobachtete Hildegundis gespannt die Begrüßung der beiden Geschwister.
Erzbischof Hermann war einige Jahre jünger als Theophanu und kleiner als Graf Thietmar. Er lächelte, streckte beide Arme aus und ging seiner Schwester entgegen. Auch Theophanu ging ihrem Bruder mit gestreckten Armen entgegen. Die Geschwister umarmten sich und küssten sich auf die Wangen. "Liebe Schwester! Wie gut du aussiehst! Die Strapazen der letzten Wochen und der Reise sieht man dir nicht an." Was Hildegundis und Martin noch nicht verstanden, war den Erwachsenen sofort klar: Mit seiner scheinbar freundlichen Besorgnis hatte der Erzbischof zwischen den Zeilen sofort das unliebsame Thema der jüngsten Ereignisse im Stift Astnide angesprochen. Theophanu lächelte und entgegnete: "Wie gütig von dir, lieber Bruder. Ich bin sicher, schon in Kürze werde ich mich gänzlich erholt haben." Damit gab die Äbtissin ihrem Bruder klar zu verstehen, dass sie auf seine Hilfe nicht angewiesen war und die Sache im Griff hatte. Danach stellte sie dem Erzbischof ihre Begleitung vor.
Als Hildegundis an der Reihe war, versank sie – wie es sich gehörte – in eine tiefe Kniebeuge. "Soso", meinte Erzbischof Hermann, "Dies ist also das Mädchen, das im Angesicht der heidnischen Machenschaften so tapfer war. Lass dich einmal ansehen, Kind." Er gab Hildegundis ein Zeichen, dass sie sich erheben konnte. Hildegundis hob den Kopf und richtete ihren Blick geradewegs auf die dunklen Augen des Erzbischofs, der sie forschend ansah. "Nun, Graf Thietmar, ihr könnt stolz sein auf Eure Tochter. Aber sorgt dafür, dass ihr sie rechtzeitig gut verheiratet, sie scheint einen starken Willen zu haben." Dann machte er mit seinem Daumen ein Kreuzzeichen auf Hildegundis’ Stirn, drehte sich um und wandte sich anderen Gästen zu. Hildegundis starrte ihm stirnrunzelnd hinterher.
Theophanu war derweil auf eine andere Frau zugegangen, die ihr etwas ähnlich sah, jedoch kleiner und kräftiger war. Beide umarmten sich herzlich. "Das ist Ida, Theophanus Schwester. Sie ist auch Äbtissin und zwar hier in Köln, in St. Maria im Kapitol", erklärte Graf Thietmar leise seiner Tochter. Der Haushofmeister trat nun wieder zum Erzbischof und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er nickte und gab eine kurze Anweisung. Dann sagte er zu Theophanu: "Der König ist eingetroffen."
Der Haushofmeister gab den Dienern an der großen Doppeltür ein Zeichen, worauf diese die Türen aufrissen. Sechs bewaffnete Wachen betraten den Saal, worauf die Anwesenden sich von ihren Plätzen erhoben. Dann erschien der König. Heinrich III. war ein großer Mann mit vollen, tiefschwarzen Haaren, was ihm auch den Beinamen der 'Schwarze' eingebracht hatte. Er besaß ein freundliches Gesicht und sanfte Augen, die etwas verträumt wirkten. Sein Gewand war sehr kostbar und mit großen Edelsteinen verziert. Auf dem Kopf trug er seine Krone als Zeichen seiner Macht. Außerdem trug auch er um den Hals eine Goldkette mit einem großen goldenen Kreuz. Er grüßte zu allen Seiten, worauf sich die Herren verbeugten und die Damen eine Kniebeuge machten. Die Wachen waren nun hinter die erhöhte Tafel getreten und hatten dort Aufstellung genommen. Der Erzbischof ging dem König entgegen und verneigte sich vor ihm. "Majestät, ich heiße Euch in meiner bescheidenen Behausung herzlich willkommen. Seid Gast an meiner Tafel und in meinem Haus, gebietet über mich und mein Gesinde."
Heinrich räusperte sich und antwortete: "Ich danke Euch, lieber Erzbischof Hermann. Ich bin gern zu Gast bei Euch, wie Ihr wisst. Ihr versteht es nicht nur, ausgezeichnet für das leibliche Wohl zu sorgen, Ihr bietet mir auch die Gelegenheit, liebe Freunde zu treffen – hoch verehrte, liebe Äbtissin Theophanu, wie habe ich mich auf den Augenblick unseres Wiedersehens gefreut!" Damit wandte sich der König Theophanu zu und nahm sie in den Arm, bevor sie vor ihm in einen Hofknicks sinken konnte. Das wurde mit Staunen von den Anwesenden registriert. So hatte der König seine Achtung vor Theophanu öffentlich kundgetan und ihre Stellung gestärkt. Interessiert blickte Heinrich dann auf Theophanus Gesellschaft. Die Äbtissin übernahm die Vorstellung. Die Blicke der übrigen Gäste hingen neidvoll an Graf Thietmar, seiner Tochter und den übrigen, denn die offiziellen Vorstellungen sollten erst am nächsten Tag stattfinden, wenn auch die anwesenden Adeligen ihren Lehnseid leisten würden.
Der Erzbischof bat nun zu Tisch, worauf der König Theophanu seinen Arm anbot. Als Gastgeber saß der Erzbischof in der Mitte, der König, als Ehrengast, saß an seiner rechten, Theophanu an seiner linken Seite. Der Haushofmeister wies Graf Thietmar und den Übrigen Plätze an der Kopfseite an einer der langen Tafeln an. Nun nahmen auch die anderen Gäste wieder ihre Plätze ein. Der Erzbischof sprach ein kurzes Gebet, dann erhob er seinen Pokal, um auf das Wohl des Königs zu trinken. Danach setzten sich alle, und das Festmahl begann.
Die Barden spielten auf, herrliche Braten und frisch gebackenes Brot wurden herein getragen. Bald war der große Saal erfüllt von Musik, Lachen und fröhlichen Gesprächen. Hildegundis hatte vor Aufregung und von den ersten Schlucken Wein rote Wangen bekommen. Auch Martin war aufgeregt und seine Augen glänzten, als er sagte: "Welch glücklicher Umstand, dass wir gerade zur rechten Zeit eingetroffen sind und so dem König schon vorgestellt werden konnten. Wie uns die anderen alle beneiden!" Reganwi, die dies hörte, lächelte und meinte: "Ganz so zufällig war das nicht. Als wir von unseren Gemächern losgingen, hatte eine der Dienerinnen der Äbtissin die Anweisung, die Gemächer des Königs aufzusuchen und dies zu melden. So wusste der König, wann wir eintreffen würden und konnte das einplanen." Graf Thietmar sagte nichts, sondern rieb sich nur nachdenklich das Kinn. Er war sicher, das Reganwi diese Information auch nur auf Anweisung der Äbtissin preisgegeben hatte. Theophanu hatte die Auszeichnung also geplant. Wollte sie damit nur das Bündnis zwischen ihnen festigen oder steckte noch mehr dahinter? Auch Tassilo sagte nichts, ihn schienen aber ähnliche Gedanken zu bewegen.
Prinz Widukind war ebenfalls schweigsam. Er war zwar auch in den Genuss der Vorstellung gekommen, war sich aber sicher, dass diese Auszeichnung nicht für ihn gedacht gewesen war. Auch er überlegte nun, welche Gründe die Äbtissin für ihr Handeln gehabt hatte. Doch der köstliche Bratenduft verdrängte diese Gedanken dann schnell wieder und alle griffen herzhaft zu. Nachdem der Hunger gestillt war, löste sich die Sitzordnung auf und man ging umher, um Freunde und Bundesgenossen zu treffen. Auch Graf Thietmar entschuldigte sich bald. Tassilo lud Reganwi zu einem Besuch des erzbischöflichen Gartens ein, die Pröpstin hatte einige Verwandte gefunden, die ihr Neues aus ihrer Heimat berichten konnten und auch Widukind war bald in der Menge verschwunden. So blieben Hildegundis und Martin allein an der Tafel zurück.
Martin musste Hildegundis zunächst alles von zu Hause berichten. "Der Gräfin, deiner Mutter, geht es wieder gut. Der kleine Folkmar hat sich auch gut entwickelt, kein Wunder, er hat ja auch die dicke Greta als Amme bekommen. Und Altfrid und Agana sind ein ganzes Stück gewachsen. Die kleine Herika wirst du kaum wieder erkennen, sie ist richtig groß geworden. Agana kommandiert jetzt in der Kammer, du müsstest mal hören, wie Altfrid stöhnt. Ich glaube, er wird beinahe froh sein, wenn er endlich seine Ausbildung beginnen kann!" Hildegundis kicherte. Nur zu gut kannte sie die herrische Art ihrer kleinen Schwester. Dann sagte sie: "Oh, da fällt mir etwas ein. Ich habe für Altfrid ein Tüchlein gestickt. Bitte nimm es doch für ihn mit, als Andenken an mich, wenn er auf eine andere Burg geht. Warte, ich hole es sofort aus unserem Gemach!"
Ohne Martins Antwort abzuwarten sprang Hildegundis auf und eilte aus dem Saal. Als sie die langen Gänge entlang lief, fiel ihr auf, dass sie sich den Weg zu ihrem Gemach gar nicht gemerkt hatte. Dieser Palast war ja ein wahres Labyrinth! Zu allen Seiten öffneten sie nur spärlich beleuchtete Gänge. Welcher Gang war der Richtige? Sie musste jetzt einfach hoffen, den richtigen Weg zu finden. Entschlossen ging Hildegundis weiter. Einmal wäre sie beinahe falsch abgebogen, dann fand sie aber doch den richtigen Gang. Sie öffnete die Tür zum Gemach. Alle Räume waren leer, denn auch die Dienerinnen waren zum Essen hinunter in die Küche gegangen. Schnell durchsuchte Hildegundis ihre Sachen, griff das Tüchlein für Altfrid und eilte wieder hinaus.
Etliche Kerzen waren schon heruntergebrannt und die leeren Gänge kamen ihr nun noch dunkler und unheimlicher vor. Mit klopfendem Herzen lief sie weiter, wobei sie immer schneller wurde. Dann kam sie an eine Kreuzung. Welcher Weg war nun der Richtige? Rechts oder Links? Einen Moment zögerte Hildegundis und versuchte sich zu erinnern. Dann entschied sie sich für den linken Gang. Das Ende des Ganges war nicht zu erkennen, es lag in völliger Dunkelheit. Nur wenige Kerzen brannten hier noch. Langsam ging Hildegundis weiter. Auf der linken Seite war die Wand durchbrochen. Zierliche Säulen stützen einige Bögen, die einen kleinen Raum vom Gang abteilten. Als Hildegundis sich näherte, hörte sie leise Stimmen. Schon wollte sie laut rufen, froh darüber, endlich einige Bedienstete gefunden zu haben, als ihr die Situation doch sehr seltsam vorkam. Wer redete hier leise im Dunklen? Sie beschloss, lieber vorsichtig zu sein, schlich sich an die erste Säule heran, kauerte sich dort nieder und lauschte.
Es schienen zwei Männer in dem kleinen dunklen Raum zu hocken, deren Stimmen sie aber nicht erkennen konnte, obwohl ihr zumindest eine entfernt bekannt vorkam. Was sie hörte, ließ ihr jedoch das Blut in den Adern gefrieren: "... das Gift in den Becher – es dauert dann nur einen kurzen Augenblick und schon tritt der Tod ein." "Gibt es denn keinen Vorkoster? Wenn doch, wäre alles verraten!" "Nein, er ist vertrauensselig. Außerdem habe ich das heute genau beobachtet, da ist wirklich kein Vorkoster. Und wenn heute schon keiner da war, wird es morgen erst recht keinen geben – nachdem alle den Lehnseid geleistet haben, wird er sich sicher fühlen."
Hildegundis hatte den Atem angehalten. Gift! Jemand sollte vergiftet werden! Blitzschnell rasten die Gedanken durch ihr Hirn. Wer wird das Opfer sein? Vorkoster! Wer hat einen Vorkoster? Der König! Der König soll ermordet werden! Augenblicklich wurde ihr klar, dass auch ihr Leben in Gefahr war. Die beiden Verschwörer durften sie auf keinen Fall entdecken. Schnell, aber möglichst leise erhob sich Hildegundis aus ihrer kauernden Stellung und ging vorsichtig einige Schritte rückwärts. Jetzt nur kein Geräusch machen oder gar stolpern! Da merkte sie, dass die beiden ihr Gespräch beendeten und aufbrechen wollten. Jetzt half alles nichts mehr – Hildegundis drehte sich um, raffte ihre Röcke und rannte so schnell sie konnte. "Halt! Wer ist da?", hörte sie noch rufen, während sie den Gang entlang rannte. Als sie an der Kreuzung ankam, bog sie rechts ab, rannte dann immer weiter, so schnell sie konnte, während sie die Schritte der beiden Männer hinter sich hörte.
Verzweifelt versuchte Hildegundis sich zu orientieren. Alle Gänge sahen gleich aus! Ihr Herz schlug wie rasend und sie begann zu keuchen. Dann schien es ihr, als ob ein Gang heller beleuchtet wäre als die anderen – das musste der Weg zum Festsaal sein! Endlich sah sie auch die große Doppeltür, die die verwunderten Diener eilig für sie aufrissen. Sie hatte den Festsaal erreicht. Hildegundis bemerkte nicht die verwunderten Blicke der Adeligen, an denen sie vorbeikam und die sich fragten, wieso das Mädchen, das der König noch vor dem Mahl persönlich begrüßt hatte, nun in diesem aufgelösten Zustand in den Saal geeilt kam. Erhitzt und nach Atem ringend ließ Hildegundis sich neben Martin auf ihren Sitz fallen, griff zu dem Becher, der noch halb voll Wein war und stürzte ihn hinunter.

Mailands Monster

Mailand – Stadt der Mode und des Designs, berühmt für seine Scala und seinen Dom. Mailand – auch eine Stadt, um auf "Monster-Safari" zu gehen? Dieses Buch will den Blick des Betrachters in Winkel und Ecken lenken, auf Motive, die eher ein Schattendasein im Licht der Attraktionen dieser Stadt führen. Zu Unrecht, wie die 117 Farbaufnahmen belegen, die zum ersten mal in gesammelter Form in diesem zweisprachigen (Deutsch/Englisch) Bildband veröffentlicht werden. Wasserspeier, Blattmasken und Fabelwesen, als Steinmetzarbeiten liebevoll bis ins kleinste Detail ausgeführt, befinden sich nicht nur am großartigen Dom selbst, sondern sind auch zahlreich in den noblen Einkaufsstraßen, über den exklusiven Mode- und Juwelierläden zu entdecken.
Der Mailänder Dom ist in vieler Hinsicht außergewöhnlich: Das offizielle Gründungsdatum von 1389 ist relativ spät, um den gotischen Baustil, der seine Blüte zu dieser Zeit schon fast überschritten hatte, bis zum Ende durchzuhalten – dennoch wurde dies (fast) erreicht. Bemerkenswert ist auch die beeindruckende Anzahl von Bauskulpturen: ca. 3.400 Figuren befinden sich an den Fassaden des Doms – einige sind Darstellungen alttestamentlicher Personen oder Heiliger, viele davon sind jedoch auch Tiere, Wasserspeier, Fabelwesen oder Blattmasken. Da das mit Marmorplatten gedeckte Dach für Besucher zugänglich ist, können Interessierte diese Architektur-Ornamente "Auge in Auge" studieren.
Wasserspeier, die einzigen Bildwerke mit technischer Funktion an sakralen Bauwerken, gehören seit ca. 1220 zum gotischen Formenkanon dazu. Ihre rinnenförmigen Körper mit den ausgehöhlten Köpfen dienen dazu, dass Regenwasser von den Kirchendächern abzuleiten. Sie tauchten zuerst an der Kathedrale von Laon in Frankreich auf und eroberten von dort in rasanter Geschwindigkeit nahezu ganz Europa, so dass bereits 20 Jahre später keine gotische Kirche mehr ohne sie geplant wurde.
Erfunden wurden die Wasserspeier jedoch schon sehr viel früher: An ägyptischen, griechischen und römischen Tempeln wurden vor allem Löwenköpfe zum gleichen Zweck eingesetzt; der älteste bisher gefundene Löwenkopf wird auf das Jahr 2500 v. Chr. datiert. Die nachantike Bauweise war jedoch so massiv, dass herabströmendes Regenwasser keinen Schaden anrichten konnte und die Wasserspeier somit in Vergessenheit gerieten. Erst die filigranen Formen der Gotik machte diese Form der Entwässerung wieder notwendig.
Über die Motive der Wasserspeier konnten bisher keine schriftlichen Quellen gefunden werden, vergleichende Untersuchungen zur Motivwahl legen jedoch den Schluss nahe, dass es sich bei den Speiern um Dämonenabwehrer handelt, die besonders Wetterdämonen von den Gotteshäusern fernhalten sollten. Gemäß dem Grundsatz "similia similibus curantur" (Gleiches wird durch Gleiches geheilt), ging man davon aus, dass Dämonen am wirksamsten durch ihr eigenes Spiegelbild zur Umkehr gezwungen werden konnten – eine Auffassung, die in vielen Kulturkreisen noch heute vertreten wird.
Wetterdämonen wurden für Unwetter und Blitzeinschlag verantwortlich gemacht, und ließen – nach mittelalterlichem Glauben – somit nahezu jedes Gotteshaus wenigstens einmal während seiner Baugeschichte in Flammen aufgehen. Um diese Dämonen von der Kirche fernzuhalten, wurden daher viel mehr Wasserspeier eingesetzt als zur Entwässerung notwendig gewesen wären. Jeder von ihnen ist außerdem ein Unikat – durch größtmögliche Vielfalt versuchte man, so viele Dämonen wie möglich zu verscheuchen.

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